Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Kultur Die weißen Tauben sind wir
Nachrichten Kultur Die weißen Tauben sind wir
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:05 24.12.2017
In der Bibel tritt die weiße Taube als Bote der Versöhnung zwischen dem strafenden Gott und den Menschen nach der Sintflut auf. Quelle: iStock
Anzeige
Hannover

Leise rieselt der Schnee und kleidet die Landschaft in jenes Weiß, das Christenmenschen gerne mit Weihnachtsfrieden verbinden. Dass der liturgische Friede den Menschen auf Erden ein weißer sei, mag in Europa mit romantischer Landschaftsmalerei zu tun haben, mehr aber mit Neuropsychologie.

Weiß vereint in unseren Augen alle Farben des Regenbogens. Schwarz ist ein optisches Nichts, Weiß ein Alles. Weiß steht den einen für Unschuld, Reinheit und Freude, den anderen für Alter, Tod und Trauer, für Unsterblichkeit oder Heiliges. Der Widerspruch ist nur oberflächlich, denn all das bezieht sich im Innersten auf die Vielfalt in der Einheit allen Seins. Nur wegen der Begrenztheit ihrer Sinne interpretieren und bewerten Menschen das je nach Standort unterschiedlich.

Als Menschen noch matriarchal organisiert waren, symbolisierte die weiße Taube den Kulturen des alten Orients die Göttin Har. Ihre Priesterinnen, die harines, huri oder horae, tanzten in ihren Tempeln einen Frieden, der sich aus Fruchtbarkeit und Lust ableitete, die Harmonie alles Seienden.

In der Bibel tritt die weiße Taube als Bote der Versöhnung zwischen dem strafenden Gott und den Menschen nach der Sintflut auf; als Symbol des Heiligen Geistes bei der Taufe Jesu; und bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Diese jüdisch-christliche und daher auch islamische Symbolik betont die moralische Trennung von Gut und Böse, Richtig und Falsch. Sie begründet einen Frieden aus Gerechtigkeit, der für die entsprechenden Kulturräume Leitbild wurde.

Das aufgeklärte Europa verweltlichte und rationalisierte die moralische Vorstellung zu einem Frieden aus Sicherheit, den Nationalstaaten verwalten und verteidigen. Deren unbewaffnete Unterhändler tragen weiße Flaggen, wie es vielerorts von alters her Brauch war. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert erhebt die Haager Landkriegsordnung die Unverletzlichkeit der so genannten Parlamentäre samt ihren Trompetern, Hornisten, Trommlern, Fahnenträgern und Dolmetschern zum Standard des humanitären Völkerrechts, wenn sie sich mit einer weißen Fahne ausweisen.

Als die Kernaufgabe des Nationalstaats spätestens im Holocaust pervertiert wurde, kehrte die weiße Taube als Friedenssymbol zurück. Das schon 1859 geschriebene Lied „La Paloma“ spielte eine wichtige Rolle im deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und wurde das meistinterpretierte Lied des 20. Jahrhunderts.

Pablo Picasso aktualisierte die weiße Taube in der darstellenden Kunst seit 1951 so kraftvoll und zeitgemäß, dass die Bewegungen gegen Atomkraft, Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, Gewalt in all ihren Formen, für Menschenrechte, Umwelt und Freiheit, ja selbst die Friedensforschung als akademische Disziplin das bunte Spektrum ihrer vielen Frieden im Weiß der Taube vereint sahen.

Die Postmoderne mag den Glauben an diese Botschaft verloren haben, kann sich aber nicht der Erinnerung entziehen, die tief in die Psychologie unserer Kultur eingeschrieben ist. Das deprimierende Nichts der dunklen Jahreszeit in unseren Breiten wird auch heute durch etwas glitzerndes Weiß versöhnt, wenn es sich denn entfaltet. Das so zu beschreiben ist trans-rational, weil diese Symbole in unserem Unterbewussten aktiv sind, wenn das Friedensfest der kollektiven Besinnung von der Ekstase des schrankenlosen Konsums übertönt wird. Dieser Widerspruch macht die Weihnachtszeit für viele so frustrierend und alle Jahre wieder den Festtag zum gewaltvollsten in unserem Kalender und unseren Heimen.

Ist der Weltfrieden also sicherer, gerechterer, wahrhaftiger oder gar umfassender geworden, wie manche behaupten? Überlassen wir das Zählen der Sprengköpfe, Panzer, Bomben, Gewehre und Granaten samt ihrer Opfer für dieses Mal der Kriegsforschung! Fragen wir stattdessen nach unseren kleinen Frieden und deren Befinden daheim: Ist mir selbst klar geworden, was ich unter Frieden verstehe? Kann ich das ausdrücken, ohne Frieden zum dunklen Nichts, zur Negation eines gewalttätig glänzenden Etwas, des Kriegs, zu erniedrigen? Erkenne ich den bunten Tanz der vielen kleinen Frieden im unbefleckten Weiß der noblen Idee? Wie lebe ich diese Frieden in meiner Begegnung mit der Welt? Hat sich das im letzten Jahr verändert? Wenn ja, wie fühlt sich die Veränderung an? Wenn nein, warum nicht? Orte ich unter der weiß polierten Oberfläche meines Ego schwarze Löcher des Nichts? Wie soll damit umgegangen werden? Wo wohnen die weißen Tauben, die sie füllen können?

Die Friedensforschung sagt, dass keiner Frieden im Außen wahrnehmen kann, wer nicht Friede in sich selbst findet. So manche Friedensmission scheitert an der Nichtbeachtung dieses Prinzips. Gewalttätige Konflikte, ob politisch, militärisch oder privat, resultieren meist nicht aus substanziellen Interessenkonflikten, sondern aus Vorstellungen, die sich zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit stellen. Oft geht es dabei um Scham und Schande für Vergangenes oder um das Streben nach großen Zielen und Idealen in der Zukunft. Das verzerrt zwischenmenschliche Begegnungen im Jetzt und das Erkennen der Nächsten als Wesen mit legitimen Bedürfnissen und Befindlichkeiten, Nöten und Neigungen, die sich von den eigenen nicht wesentlich unterscheiden. Es gilt für die Macher der großen Entscheidungen in derselben Weise wie für uns alle. Wir sind unsere Politik, wir sind unsere Wirtschaft und können die Verantwortung nicht auslagern.

In der Weihnacht können wir Nadelbäume mit bunten Kugeln schmücken – und uns selbst mit der Beantwortung jener unbequemen Fragen, denen wir sonst so gerne ausweichen.

Wolfgang Dietrich ist Unesco-Chairholder sowie Leiter des Arbeitsbereiches und Master-Lehrgangs für Frieden und Konflikt an der Universität Innsbruck. Quelle: privat

Von Wolfgang Dietrich

Kultur Spieltipp „Berge des Wahnsinns“ - Wahnsinniger Spaß

Ein Werk des Horror-Autors H. P. Lovecraft stand Pate für das Spiel „Berge des Wahnsinns“. Zusammen muss die Runde der Spieler versuchen, dem besagten Berg zu entkommen. Das kann irrsinniges Vergnügen bereiten.

23.12.2017
Kultur Ausblick auf das Kulturjahr 2019 - Das Klassikjahr 2018: Von Rossini bis Bernstein

Die besten Filme, die spannendsten Ausstellungen und die lohnendsten Konzerte: Wir blicken auf die Höhepunkte des Kulturjahres 2018. In dieser Folge geht es um die Klassik, die viele runde Geburtstage feiert. Als Nächstes nehmen wir uns die Belletristik vor.

04.01.2018
Kultur Ausblick auf das Kulturjahr 2018 - Das Kunstjahr 2018: Vom Wandern und vom Fleische

Die besten Filme, die spannendsten Ausstellungen und die lohnendsten Konzerte: Wir blicken auf die Höhepunkte des Kulturjahres 2018. In dieser Folge geht es um die Bildende Kunst, in der kommenden beleuchten wir die Klassik.

22.12.2017
Anzeige