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Kultur „Die Kanzlerin – Eine Fiktion“: Gefühle auf Merkelsche Art
Nachrichten Kultur „Die Kanzlerin – Eine Fiktion“: Gefühle auf Merkelsche Art
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19:23 31.03.2017
Quelle: ap/Screenshot Amazon/RND-Montage
Hannover

Den politischen Betrieb durch einen originellen Roman kennenzulernen: das ist uns Deutschen nicht oft vergönnt. Die Engländer oder US-Amerikaner sind da weiter: Michael Dobbs Roman „House of Cards“ oder Joe Kleins „Mit aller Macht“ schildern nicht nur Wahlkämpfe, politische Winkelzüge und Intrigen, sondern geben auch einen hervorragenden Einblick in die Politik und Verwaltungskultur Großbritanniens und der USA.

Etwas Ähnliches gelingt dem Journalisten Konstantin Richter mit seinem Buch „Die Kanzlerin“. Er nennt es „eine Fiktion“: Neben der Hauptfigur treten verschiedene Minister, hohe Beamte und der CSU-Vorsitzende unter ihrem Namen auf. Aber Richter erzählt uns auch die Geschichte hinter den Sprachregelungen, Parteitagsbeschlüssen und dürren Presseerklärungen. Was spielt sich im Kopf der Kanzlerin ab, wie sieht ihr Tag aus, wie sind ihre Nächte, was sind ihre Hintergedanken? Gibt es eine emotionale Wahrheit? Viel hat Richter recherchiert, manches dazu erfunden. Insgesamt ist die Geschichte aus einem Guss.

„Aber Sie wissen doch selbst, dass Sie nicht der emotionalste Mensch sind.“

Der Roman schildert das Leben Angela Merkels in der Zeit vom Sommer 2015 bis Sommer 2016. Jeweils eine Vorstellung der Oper „Tristan und Isolde“ bei den Bayreuther Festspielen bildet den Rahmen. Den Autor interessiert besonders der Regierungsstil der Kanzlerin und ihre Art der politischen Auseinandersetzung: Ein gut organisiertes Kanzleramt bedeutet ihr viel. Nichts hasst sie mehr, als wenn sie die Kontrolle verlieren könnte. Emotionen zu zeigen und diese für ihre Politik einzusetzen ist ihr eigentlich fremd. Viele – auch unter den eigenen Mitarbeitern – werfen ihr Gefühlskälte vor, als sie der zwölfjährigen palästinensischen Schülerin Reem in Rostock erklärte, dass Deutschland nicht allen Flüchtlingen ein dauerhaftes Bleiberecht geben könnte.

Als die sozialen Medien und die negative Presse nach diesem Bürgerdialog in der Morgenlage des Kanzleramtes analysiert werden, sagt die Büroleiterin, was die anderen Berater nicht auszusprechen wagen: „Aber Sie wissen doch selbst, dass Sie nicht der emotionalste Mensch sind.“

„Wir schaffen das“

Dann kommt die Flüchtlingskrise über Deutschland. Richter beschreibt aus der Sicht der Kanzlerin den Marsch der Flüchtlinge von Budapest gen Westen, die bewegenden Fernsehbilder am Münchner Hauptbahnhof, die Hochzeit der Willkommenskultur. Die Stimmung schlägt um. Großherziges und Gemeines auf den unterschiedlichen Ebenen der Politik werden amüsant geschildert: Merkel gerät unter Druck und berät sich mit Parteifreunden, bayrischen Kommunalpolitikern, internationalen Spitzenpolitikern, den Wirtschaftsweisen. Zwischendurch wiederholt sie „wie ein Wagnersches Leitmotiv“ ihr „Wir schaffen das“.

„Die Kanzlerin“ ist Konstantin Richters drittes Buch, sein zweiter Roman. Der Autor gehört zu den wenigen weltläufigen Talenten, die in mehr als einer Sprache zu Hause sind. An der New Yorker Columbia-Universität hat er Journalismus studiert. Er ist Deutschland- Korrespondent der Washingtoner und Brüsseler Zeitung „Politico“. Für den Londoner „Guardian“ hat er in sehr lesenswerten Artikeln die Berliner Flüchtlingspolitik analysiert und erklärt.

Mit Verve und Humor gezeichnet

Auf Deutsch schreibt er für verschiedene überregionale Tageszeitungen. Mit einem so intelligenten wie umstrittenen Dossier über die deutsche Theaterlandschaft für die „Zeit“ hat er den Deutschen Reporterpreis gewonnen. Als erfahrener Journalist hat Richter einen guten Blick für Nuancen und Details, beherrscht die Kunst der knappen Milieuschilderung. Einige Schlüsselfiguren des politischen Berlin – etwa Kanzlergatte Joachim Sauer, Thomas de Maiziere oder Horst Seehofer – sind in „Die Kanzlerin“ mit Verve und Humor gezeichnet. Über den Ton im Kanzleramt heißt es: „Wenn die Kanzlerin und die Büroleiterin über den EU-Kommissionschef (,nett, aber nur wenn er nüchtern ist‘), den britischen Premierminister (,ein schrecklicher Snob‘) und den französischen Präsidenten (,ein Pfau, und nicht mal ein schöner‘) herzogen, dann hatten sie etwas von zwei klugen, aber nicht so gutaussehenden Schulmädchen, die sich über die gutaussehenden, aber nicht so klugen Jungs mokierten.“

Es ist – wie gesagt – ein Roman. Deshalb kommt auch die Liebe vor, allerdings auf Merkelsche Art: „Eine rasche Berührung war das nur, ein Küsschen eher als ein Kuss, und in dieser Form auch völlig angemessen. Denn Sauer und die Kanzlerin waren ja nicht Tristan und Isolde. Sie waren Naturwissenschaftler, und wenn eine Physikerin und ein Quantenmechaniker, beide fortgeschrittenen Alters, miteinander reagieren, wird nicht allzu viel Wärme und Energie freigesetzt.“

Kurzweilig und gut recherchiert

Richter schreibt für den internationalen Markt: für Engländer, Franzosen oder Amerikaner, die hohe Politik mit Tony Blairs in kurzer Zeit erworbenem unglaublichem Reichtum, Francois Fillons Schloss, den Stiftungen der Clintons oder dem Trump-Protz assoziieren. Da wirkt Angela Merkel so bieder wie exotisch, wenn sie mit Herrn Professor Sauer Hackbällchen beim Griechen in Charlottenburg verzehrt, bei Ullrichs Verbrauchermarkt in der Berliner Mohrenstraße die Zutaten für Kohlrouladen einkauft (Sie muss sich von den Personenschützern einen Euro für den Einkaufswagen leihen und an der Kasse anstehen) oder im vollen Wartezimmer ihrer Schwester, einer Ergotherapeutin, sitzt.

Es ist recht wahrscheinlich, dass dieses so kurzweilige wie gut recherchierte Buch in viele Sprachen übersetzt wird. Das Bild der späten Ära Merkel wird international durch Konstantin Richters Deutung beeinflusst werden, so wie das der Ära Thatcher durch „House of Cards“ oder das der Ära Clinton durch „Mit aller Macht“.

„Die Kanzlerin – Eine Fiktion“ von Konstantin Richter, Kein & Aber Verlag, 175 Seiten, 18 Euro

Von Chrtistian Schwandt/RND

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