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08:07 22.04.2018
“Federn symbolisieren für mich Frieden und Freiheit“: Clare Bowen will ein bisschen Liebe in die Welt bringen – jetzt auch mit ihren eigenen Songs. Quelle: Sally Flegg
Hannover

“Hippie?“ Clare Bowen kichert am Telefon. “Dass du mich so nennst, wird meine Mutter freuen.“ Die Sängerin und Schauspielerin aus Nashville setzt allerdings nicht auf Flower-Power – sie schwört auf Feder-Power. Schon ihre Mutter hatte ihr als Kind Vogelfedern ins Haar gesteckt. “Federn symbolisieren für mich Frieden und Freiheit“, sagt die 33-Jährige. “Und Hoffnung.“

Deshalb ließ sie sich auch für das Cover ihres Debütalbums mit Federn im Haar ablichten; manchmal trägt sie auch bei Auftritten welche, so wie vor Kurzem in der “Helene Fischer Show“. Sie sang dort “Little by Little“, eine Country-Rock-Ballade mit Poesiealbum-Text. Mit dem Song will sie daran erinnern, “dass jeder Einzelne etwas bewirken und kleine Ecken unserer Erde zum Leuchten bringen kann, dass Liebe immer stärker ist als Angst“.

Der Auftritt der zierlichen Künstlerin auf der zurzeit größten TV-Bühne Deutschlands muss so viele Zuschauer berührt haben, dass schon bald nach Ausstrahlung der Sendung zwei Zusatztermine für die anstehende Tournee angekündigt wurden.

In den USA längst ein Star

In den USA ist Bowen längst ein Star. Sie spielt eine Hauptrolle in der Fernsehserie “Nashville“, einer Seifenoper über Liebe und Intrigen in der Countrywelt. Sie verkörpert Scarlett O’Connor, eine schüchterne junge Frau und stille Poetin, die sich im Laufe der sechs Staffeln mehr und mehr öffnet, selbstbewusster wird und zur umjubelten Country-Fee.

Wie viel Clare steckt in Scarlett? “Sie ist eine viel jüngere Version von mir“, sagt die Schauspielerin. Heute gebe es nicht mehr viele Gemeinsamkeiten. “Scarlett hat nicht viele Freunde. Sie will immer alle glücklich sehen und vergisst dabei, an sich selbst zu denken. Sie lässt sich ausnutzen.“ Scarlett kann nicht Nein sagen. Clare dagegen hat das gelernt, und sie hat anders als ihre Filmfigur die Liebe ihres Lebens in Nashville gefunden. Mit Brandon Robert Young ist sie seit Oktober 2017 verheiratet. Mit ihm zusammen und einigen der Top-Songwriter der Stadt schreibt sie ihre Lieder. Brandon spielt außerdem Gitarre in ihrer Band.

Die beiden leben in der Nähe von Nashville in einem “Riss im Gewebe der Realität“, wie sie es formuliert, zusammen mit einer Schar von geretteten und adoptierten Tieren, dem Irischen Wolfshund Faolàn, der Katze Lumière, den Gleithörnchen Ben und Button sowie den Pferden Lijah und Shadou. Lijah hatte man fast verhungert und verdurstet auf einer Weide entdeckt und zu ihr gebracht. Sie nennt ihre Tiere “kleine Armee der Drachen“.

Mut zur Selbstverwirklichung: Clare Bowen lernt schon als Kind, wie zerbrechlich das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann. Quelle: imago

Die Bildergalerien auf Clares Facebook-Seite lassen vermuten, dass sie für sich ein Villa-Kunterbunt-Refugium erschaffen hat. Sie macht offensichtlich das, was ihr gefällt. Vielleicht besitzt sie den nötigen Mut zur Selbstverwirklichung, weil sie schon als kleines Kind erfahren musste, wie zerbrechlich das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass man nur begrenzt Zeit hat, um etwas Gutes zu bewirken und das Leben zu genießen.

Fast wäre die gebürtige Australierin im Alter von vier Jahren an einem Nephroblastom im Endstadium, einem bösartigen Nierentumor, gestorben. Bei der Diagnose gaben die Ärzte dem Mädchen nur noch zwei Wochen zu leben. Die Eltern ließen sich auf ein riskantes Behandlungsexperiment ein. Es glückte den Medizinern, den fußballgroßen Tumor auf Grapefruitgröße zu schrumpfen, sodass er entfernt werden konnte.

“Ich wuchs größtenteils in der Kinderklinik auf“, erzählt die 33-Jährige. Da sie zu krank war, um zur Schule zu gehen, nahmen ihre Eltern sie mit ins Museum und in den Zoo, wo ihr Opa arbeitete. “Ich konnte nicht gut rechnen, aber ich wusste, was ein Tasmanischer Tiger ist“, sagt Bowen. Wieder lacht sie, wie ganz oft während des Interviews. Der Song “Doors & Corridors“ handelt von diesen Besuchen, die sie ablenken sollten vom Hoffen und Bangen im “weißen Palast“, wie ihr Großvater das Krankenhaus bezeichnete.

“Es mangelt an Liebe und Mitgefühl“

“Warrior“ singt sie für die Kinder auf der Krebsstation, und für alle, die mit Schicksalsschlägen hadern oder sich im Stich gelassen fühlen. “Das Leben kann sehr hoffnungslos sein, wenn es seine kaputte Seite zeigt“, sagt sie. Sie hatte Glück, sie überlebte die Krankheit, viele andere nicht. “Der Song ist für alle, die ihr Bestes geben unter wirklich schwierigen Bedingungen, die nicht schlafen können vor lauter Sorgen, die sich ein glücklicheres Leben erträumen. Jeder ist ein Krieger.“

Auch wenn sie bisweilen wie ein Hippie spricht, sie weiß, der Summer of Love 1967 war eine fiese Finte. Frieden und Blumen für alle sind 51 Jahre später mehr denn je eine Utopie. Sie besitze gar keinen Fernseher, sagt sie, weil sie die Nachrichten nicht ertrage. Sie sei besorgt über die gesellschaftliche Spaltung in den USA, über Abschottung und Fremdenhass, sie fühle sich hilflos. Mit ihrem Americana-Pop, einem radiofreundlichen Mix aus den uramerikanischen Musikstilen Country, Folk, Rhythm and Blues und Rock, wolle sie Menschen zusammenführen und so ihre eigene kleine Ecke der Erde Konzert für Konzert und Song für Song zum Leuchten bringen.

Ihre autobiografischen Lieder haben einen angenehm sanften, differenzierten Sound. Im bornierten, schreiend lauten Trump-Amerika wirkt sie mit ihrer Botschaft der Freundlichkeit und Güte wie eine Stimme der Gegenkultur. “Ich bin sehr stolz auf die jungen Leute, die gegen Waffengewalt auf die Straße gehen“, sagt sie. Sie bewundere die “March For Our Life“-Kids, wie sie Hand in Hand für Liebe und Mitgefühl demonstrieren. “Das ist es, woran es zurzeit auf der Welt mangelt.“

Clare Bowens selbst betiteltes Album erscheint am 27. April. Ab 28. April ist sie auf Deutschlandtour. Quelle: Sally_Flegg

Manchmal wird die Schauspielerin und Sängerin selbst zur Aktivistin. 2015 trennte sie sich von ihren hüftlangen blonden Haaren, nachdem sie von einem kleinen Mädchen mit kurzen Haaren gehört hatte, das meinte, für eine Prinzessin nicht schön genug zu sein. “Wie kommt ein Kind darauf?“ Eigentlich wollte sich die Schauspielerin sogar eine Glatze schneiden, das ließ der “Nashville“-Sender ABC aber nicht zu.

Bowen nutzte ihre Bekanntheit, um zu zeigen, dass es nicht die Haare sind, sondern der Charakter, die Haltung oder das Handeln, was einen Menschen zu einer Prinzessin oder einer Kriegerin macht. “Vielen von uns auf der Krebsstation fehlten Körperteile, und die meisten waren kahl“, erzählt sie. “Niemand kümmerte das. Es war okay.“ Man spürt ihre Empörung, wenn sie sagt: “Wieso werden Menschen so brutal nach ihrem Äußeren beurteilt?“

“Musik verband mich mit dem Rest der Welt“

Bowen wurde im ländlichen Australien groß, kilometerweit entfernt von der nächsten Stadt. Dort schrieb sie alles auf, was sie fühlte, hörte, sah und träumte – der Stoff für einige ihrer Lieder. Sie verbrachte mehr Zeit mit Tieren als mit Menschen. “Musik verband mich mit dem Rest der Welt.“

Auf Anraten ihrer australischen Kollegin Cate Blanchett buchte die junge Schauspielerin 2012 einen Flug in die Filmstadt Los Angeles. Nach Nashville kam sie mit dem Bus. Dort wurde sie, wie Scarlett in der Serie, zur Singer-Songwriterin. Sie hat wahrlich schwierige, furchteinflößende Zeiten hinter sich. Darüber singt sie in dem Country-Soul-Stück “Let It Rain“. Lass es regnen. Sie verdammt die Regenphasen in ihrem Leben nicht. Denn ohne sie wäre sie nicht der Mensch, der sie heute ist, sagt sie. “Ich würde nichts ändern wollen.“

Von Mathias Begalke

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