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Kultur Das tragische Leben der Väter von Superman
Nachrichten Kultur Das tragische Leben der Väter von Superman
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18:17 29.06.2018
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Metropolis

Wenn das Superman wüsste: Ein Polizist weckt im Jahr 1975 einen alten Mann, der auf einer New Yorker Parkbank schläft, und lädt ihn zu einer heißen Suppe ein. Im Laufe des Gesprächs entpuppt sich der Obdachlose als Joe Shuster, Erfinder des legendären „Mann aus Stahl“, des Kraftpakets von Krypton, eben von Superman. Shuster ist fast blind, völlig verarmt und schläft, um seinem Bruder nicht zur Last zu fallen, unter freiem Himmel. Unter demselben Himmel fließen zur selben Zeit dank der riesigen Beliebtheit von Superman Millionen und Abermillionen Dollar in die Taschen der Inhaber eines Comicverlags, von Filmemachern und Schauspielern. Wie es dazu kommen konnte, erzählt nun eine großartige Graphic Novel von Julian Voloj und Thomas Campi.

Superman war zunächst böse

Cleveland, USA, Anfang der Dreißigerjahre. Die beiden Teenager Joseph „Joe“ Shuster und Jerome „Jerry“ Siegel sind voller Phantasie und wollen Geschichten erzählen. Der eine bringt seinen Zeichenstift mit, der andere hämmert Texte in seine Schreibmaschine. 1932 geben sie ihr erstes kleines Magazin mit illustrierten Geschichten heraus. Die Science-Fiction-Fans experimentieren in den Folgejahren mit unterschiedlichen Figuren und Ideen, mit Helden, Schurken und Aliens – auch ein Superman ist schon dabei, allerdings damals noch als Bösewicht.

Dann haben die beiden die entscheidende Idee: Ihr Superman kämpft fortan für das Gute. Sie lassen viele damals populäre Geschichten und Figuren in ihren neuen Helden fließen: Clark Kent ist von dem damaligen Schauspielstar Harold Lloyd beeinflusst, die geheime Identität findet sich auch bei Zorro, die Ursprungsgeschichte ist dem biblischen Moses entlehnt (und auch Tarzan) und die Stadt Metropolis ist eine eindeutige Verbeugung vor Fritz Langs gleichnamigem Film. Das Besondere an der Science-Fiction-Geschichte ist, dass sie nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart spielt. Vier Jahre lang versuchen sie, Verlage und Magazine von ihrer Idee zu überzeugen, dann klappt es: Im Frühjahr 1938 gibt der Verlag National Allied Publications (der Vorgänger von DC Comics) Shuster und Siegel die Chance, in einem neu entstehenden Comicheft ihre Geschichten zu publizieren. Dieses Heft – „Action Comics 1“ – wird zu einem Riesenerfolg. Es ist die Geburtsstunde der Superhelden-Comicindustrie, die bis heute Milliarden erwirtschaftet.

250 Sonntagszeitungen druckten Superman-Strips

Umfragen unter Lesern ergeben, dass die neue Figur Superman, die auch auf dem Titel abgebildet ist, wesentlich dazu beiträgt. Der Verlag entscheidet, Superman zum festen Bestandteil von „Action Comics“ zu machen. Eigentlich eine gute Nachricht für die Erfinder von Clark Kent und seinem fliegenden Alter Ego, aber Shuster und Siegel begehen in dieser Zeit den Fehler ihres Lebens: Sie treten mit dem ersten Honorarscheck die Superman-Rechte an National Allied Publications ab. Es war diese eine Unterschrift, nur eine einzige Unterschrift, die über ihrer beider Leben entschied.

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Die beiden arbeiten als Angestellte weiter, verdienen ihr Geld. Kein schlechtes Geld. Aber gemessen am Erfolg des fliegenden Mannes aus Metropolis war das ein Nichts. 1940 lag die Auflage von „Action Comics“ bei rund 800 000 Exemplaren, das alle drei Monate erscheinende „Superman“-Heft verkaufte sich jeweils fast zwei Millionen Mal. Dazu kamen Comicstrips in mehr als 250 Sonntagszeitungen, Hörspielfassungen und Zeichentrickfilme. Das Geld floss – aber es floss nicht in die Taschen der beiden Künstler, die es verdient hätten.

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In ihrer Graphic Novel „Joe Shuster“ erzählen Autor Julian Voloj und Zeichner Thomas Campi diese Geschichte aus Shusters Perspektive. Sie halten sich dabei rigoros an die Fakten. „Jede Szene in dieser Graphic Novel basiert auf realen Tatsachen“, schreibt Voloj im Nachwort. Dem gebürtigen Münsteraner, der heute in New York lebt, waren vor ein paar Jahren Briefe aus dem Nachlass Shusters in die Hände gefallen. Diese Briefe stellen die Grundlage für diese genauso gut recherchierte wie fabelhaft erzählte und gezeichnete Erzählung. Sie handelt nicht nur vom Leben und Schaffen (und später vom Leiden und Verarmen) Shusters und Siegels, sondern auch von den Anfängen der Comicindustrie in den USA, von skrupellosen Geschäftsleuten und dem sich wandelnden Zeitgeist in Amerika zwischen den Dreißiger- und den Siebzigerjahren. Geschickt bauen sie Nebenstränge mit ein, etwa wie andere Verlage auf den Superheldenmarkt drängten – so entstand etwa Batman. In seinen Zeichnungen bleibt Thomas Campi dabei bewusst weit von der Superman-Ästhetik entfernt. Seine Bilder erinnern an das Amerika von Edward Hopper, sie sind farbintensiv, mit weichen Linien entworfen. Seine Art, Figuren zu zeichnen, kennen wir aus seinem Vorgängerwerk „Magritte. Dies ist keine Biografie“.

Kleines Happy End

Der Leser wird von Seite zu Seite unruhiger ob der ganzen Ungerechtigkeiten. Shuster und Siegel versuchen, ihr geistiges Eigentum vor Gericht zurückzuerstreiten, sie geraten in die Mühlen des „Komitees für unamerikanische Umtriebe“, sie verlieren mit ihren Klagen alles, auch ihre Jobs. Superman ist ihnen zu diesem Zeitpunkt endgültig entflogen.

Wie gern würde man helfen, all das Unrecht zu beseitigen – so wie Superman es täte. Am Ende siegt das Gute wenigstens ein bisschen. Nach einem emotionalen Brief von Jerry Siegel und massivem Druck der Öffentlichkeit erhalten Shuster und Siegel von Warner Brothers, denen DC Comics nun gehört, eine jährliche Rente von 38000 Dollar. Und sie werden seitdem in den Comics als Urheber genannt. Die wunderbare Graphic Novel von Julian Voloj und Thomas Campi hilft nun – genau 80 Jahre nach der ersten Superman-Ausgabe – Joe Shuster und Jerry Siegel als das dastehen zu lassen, was sie waren: Superhelden des Comic.

Julian Voloj, Thomas Campi: „Joe Shuster. Der Vater der Superhelden“. Carlsen. 176 Seiten, 19,99 Euro.

Von Kristian Teetz

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