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20:21 18.05.2018
Die Mauer – seit 28 Jahren versuchen wir nun schon sie abzureißen, findet Architekt Lars Krückeberg. Quelle: iStockphoto
Berlin

Das ehemalige Fabrikgebäude ist ziemlich heruntergekommen. Die Treppe im Hinterhof führt in den vierten Stock. Hinter der Stahltür ohne Namensschild öffnet sich ein riesiger Raum mit Schreibtischen und Computerbildschirmen. Hier entsteht Großes. Bis zu 120 Leute arbeiten hier. Willkommen bei den Graft-Architekten in Berlin-Mitte, einem weltweit agierenden, extravaganten Städtebau- und Designunternehmen mit Popstar-Image.

Quer durch den lichtdurchfluteten Raum schlängelt sich ein hölzerner Raumteiler. Ein höhlenartiger Durchbruch führt durch die Mauer aus Fachbüchern, Katalogen und Papierablagen. Dahinter ein gläserner Konferenzraum. An dem weit ausladenden Möbel, das mehr an die Kontur eines Organs als an eine Tischplatte erinnert, sitzt Marianne Birthler, umringt von drei leger gekleideten Jungs um die 50. Sie sind die Chefs von Graft: Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit.

Kuratoren für den deutschen Beitrag

Das Quartett ist das Kuratorenteam für den diesjährigen deutschen Beitrag bei der Architektur-Biennale in Venedig. „Free Space“ ist das Thema der Ende Mai beginnenden, sechs Monate dauernden internationalen Schau. Birthler und die Graft-Architekten wollen im deutschen Pavillon in den Gardini von Venedig auf einen besonderen Freiraum aufmerksam machen: den ehemaligen Mauerstreifen und was damit seit der deutschen Einheit passiert ist. „Unbuilding Walls“ wird ihre Ausstellung heißen. Es soll also um das Niederreißen einer Menschen trennenden Architektur gehen und die dann folgende Frage: Was tun mit dieser neuen Freiheit? In Venedig soll eine vorläufige Bilanz gezogen werden – architektonisch, aber auch politisch. Denn es stellt sich freilich auch die Frage: Wie lebt es sich denn so, ganz ohne Mauer, 28 Jahre nachdem sie gefallen ist, nachdem sie davor, genauso lange, nämlich 28 Jahre, dort gestanden hat?

Lars Krückeberg vom Berliner Architekturbüro Graft. Quelle: Friedrich Bungert

Es geht also um Architektur und um Politik – eine spannungsgeladene Mischung. Und die Zusammensetzung des Kuratorenteams könnte kaum gegensätzlicher sein. Hier die westdeutsche Architekten-Boygroup, die 1989, als die Mauer fiel, noch mitten im Studium in Braunschweig saß und anschließend international Karriere machte, dort die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und spätere Grünen-Politikerin, die im vereinten Deutschland erst Bildungsministerin in Brandenburg und dann Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen war. Als die Idee für das Projekt entstand, haben sich die Architekten gezielt für Birthler entschieden, sagt Lars Krückeberg: „Architektur ist immer Ausdruck von Gesellschaft und insofern politisch. Deshalb wollten wir die Ausstellung nicht alleine machen und haben Marianne Birthler gefragt.“ Und die war sofort dabei. Interessant sei schließlich nicht nur, was politisch und räumlich nach dem Ende der Mauer Neues entstanden sei, sondern auch, was in den Köpfen passiert ist. „Es geht mir um die Software der Deutschen Einheit“, sagt Birthler.

Die frühere Bürgerrechtlerin und Politikerin Marianne Birthler. Quelle: Friedrich Bungert

Mit Krückeberg und Co. hat sie es aber zunächst einmal mit Experten für die Hardware zu tun. Das international bekannte und preisgekrönte Architektur- und Designunternehmen Graft wurde von den drei Freunden nach dem Studium 1989 in Los Angeles gegründet. 2001 verlegten sie die Firmenzentrale nach Berlin, wo sie in der Fabriketage eine Weile wie in einer WG lebten. Eine dritte Niederlassung ist in Peking.

Vielseitiges Architektentrio trifft ehemalige Bürgerrechtlerin

Die drei wirken betont entspannt, als müsste Erfolg nicht unbedingt anstrengend sein. Rund 700 Projekte, vom Luxushotel bis zum Handwaschbecken, wurden von Graft geplant, etwa 250 davon auch verwirklicht. Stilistisch ist das Architektentrio schwer einzuordnen. Der Name kommt aus der Botanik. „To graft“ bedeutet „aufpfropfen“ und meint so viel wie veredeln, wenn auf eine Pflanze eine andere Sorte aufgesetzt wird.

Das Konzept von Graft ist insofern, Unterschiedliches oder vermeintlich Gegensätzliches zusammenzuführen, damit etwas Neues entsteht. So bauten die drei zum Beispiel in Kuala Lumpur vor zehn Jahren mitten in die Natur ein surreales Hightech-Einfamilienhaus auf Stelzen, das eine Null-Energie-Bilanz vorweisen kann. Oder für eine luxuriöse Berliner Zahnarztpraxis eine futuristische Innenarchitektur, in der sich die Patienten entspannen und vor allem Kinder beim Spielen ihre Angst vor dem Bohrer vergessen sollen.

Vacha in Thüringen 1986, vom Eisernen Vorhang geteilt. Quelle: Jürgen Ritter
Heute ist Vacha durch die Brücke der Einheit mit dem benachbarten Philippsthal in Hessen verbunden. Quelle: Jürgen Ritter

Aber Graft baut nicht nur für die Schönen und Reichen. Nach dem Hurrikan „Katrina“ entwarfen sie auf Initiative des mit ihnen befreundeten Filmstars Brad Pitt neue Häuser für die Ärmsten unter den Opfern von New Orleans. Von ihren Solar-Kiosks, kleinen Verkaufsstellen mit Solarzellen auf dem Dach, die auch zur Stromversorgung der unmittelbaren Umgebung reichen und um die sich zum Teil regionale Märkte entwickelten, stehen mittlerweile 250 in Ostafrika. Als Antwort auf die Flüchtlingsbewegung von 2016 hat Graft funktionale Unterkünfte für Flüchtlinge entworfen. Beim deutschen Beitrag auf der Biennale in Venedig geht es allerdings erst mal weniger darum, Originelles auf die Zukunft hin zu entwerfen, als vielmehr Tatsächliches rückblickend zu dokumentieren. Und die Emotionen, die damit verwoben sind, zu berücksichtigen. Die Geschichte seit dem Fall der Mauer ist schließlich nicht eindimensional. Sie wird unterschiedlich erlebt. Im Osten anders als im Westen. Es gibt in beiden Landesteilen Wendegewinner und -verlierer, Hoffnungen und Enttäuschungen. „Das zeigt sich schon an den Sprachcodes: Revolution, Wende, Vereinigung, Umbruch – hinter diesen Begriffen stecken unterschiedliche Erlebniswelten“, sagt Marianne Birthler.

Unbuilding Walls

Die Architektur-Biennale geht vom 26. Mai bis zum 25. November.

28 Projekte werden beim deutschen Beitrag gezeigt – vom Axel- Springer-Neubau auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen Berlin-Kreuzberg und Mitte bis zum Europa-Radweg entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Dazu kommen Orte im ehemaligen Grenzstreifen, von denen heute nur noch symbolische Ortsschilder zu sehen sind. Hinzu kommen werden Statements von Menschen, die immer noch mit einer Mauer leben – in Korea, Israel oder Nordirland zum Beispiel.

Und das soll in einer Architekturausstellung sinnlich erfahrbar werden? Wird es, versichert Lars Krückeberg. Gleich wenn man den Pavillon betritt, solle man die Thematik begreifen. Was aber genau in Venedig zu sehen sein wird, wollen die Kuratoren nicht verraten. Vorerst werden nur grobe Linien skizziert. Der Mauerstreifen als Metapher für das Zusammenwachsen der beiden Deutschlands. Die Debatten der vergangenen Jahre um die Bebauung der freien Flächen, vom nostalgischen Traum von einer historischen Rekonstruktion eines alten Berlin, wie sich das etwa am Wiederaufbau des Stadtschlosses zeigt, bis zur Landnahme freier Flächen durch eine internationale Jugendkultur, die im Mauerpark einfach nur feiern will. Doch eine Narbe wird bleiben.

Die Architekten von Graft haben diese täglich vor Augen. Ihr Büroloft liegt an der Berliner Heidestraße. Die verlief einst direkt entlang der Mauer. Zurück aus dem Hinterhof steht man vor einer riesigen Brache. An einigen Stellen drehen sich Baukräne.

Von Mathias Richter

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