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Kultur Stars ohne Ende: Warum Fans nie „Nein“ sagen können
Nachrichten Kultur Stars ohne Ende: Warum Fans nie „Nein“ sagen können
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14:04 24.11.2018
Rockstar Freddie Mercury Quelle: dpa
Hannover

Als wir mittlerweile schon einigermaßen Älteren noch klein waren, öffnete sich im Fernseher am Sonntagvormittag in der Stunde vorm Mittagessen eine braune Holzkiste und ein dicker, bulleriger Puppen-Räuberhauptmann trat hervor. Der überfiel die Großmutter und klaute ihr eine von ihr geliebte Kaffeemühle, die verblüffenderweise das Lied „Alles neu macht der Mai“ spielen konnte.

Die Augsburger Puppenkiste machte uns mit dem Typus des nicht völlig unsympathischen Kriminellen bekannt. Und nachdem wir endlich lesen konnten, stürzten wir uns auf Otfried Preußlers drei Bücher über den Hotzenplotz, den Kasper und seinen Kumpel Seppel. Am Ende des dritten Bands war der Schurke zwar geläutert, trotzdem hatten wir noch lange nicht genug. Aber für Preußler war Hotzenplotz perdu.

Müssen. Wir. Haben.

Als nun im Frühling dieses sonnigen Jahres der Verlag Thienemann-Esslinger mitteilte, im Nachlass des 2013 verstorbenen Schriftstellers sei ein Theaterstück gefunden worden, da hätten wir Hotzenplotz-Maniacs um Haaresbreite unserer schnöden Kaffeemaschine beigebracht, „Freude, schöner Götterfunken“ zu spielen.

Der Titel „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ passte auch noch perfekt zu den Raumfahrtvisionen von Nasa und Co. Nur ein Gedanke regierte: Müssen. Wir. Haben. Es streicheln, aufklappen, lesen, ins Regal stellen, wieder herausnehmen, wieder streicheln. Den guten, heimeligen Geruch der Kindheit heraufbeschwören.

Als Gerüchte auftauchten, ein Album mit unveröffentlichten Aufnahmen von Prince solle erscheinen, waren die Fans begeistert – und standen Schlange vor den Plattenläden. Quelle: Jens Dige/EPA

Ähnlich elektrisiert waren wir, als im Juni dieses Jahres Gerüchte auftauchten, ein Album mit unveröffentlichten Aufnahmen von Prince solle erscheinen. Der viel zu früh Verstorbene sei da nur mit „Piano & A Microphone“ zu hören – eine intime Trainingsstunde im Studio aus der Zeit vor seinem großen Durchbruch. Wow! Doppelwow! Was hatte uns dieser funkrockpoppige Maes­tro in den Achtzigerjahren immer wieder hingerissen mit Songs wie „Raspberry Beret“, „Kiss“ und „Cream“.

Wir bestellten nicht etwa schnöde bei Amazon, nein, wir standen am 21. September ungeduldig vorm Plattenladen, wie früher, als die Welt noch analog war. Nie gehörte Aufnahmen in nie gehörter Intensität und Intimität wurden versprochen, eine Art Ursuppenversion von „Purple Rain“ darunter. Ein Schatz!

Und wieder war da dieser Gedanke: Müssen. Wir. Haben. Die Platte zogen wir Prince-Fans sanft aus der Innenfolie, lauschten dem statischen Geräusch der Nadel, wie sie in die Vinylrille tupfte. Dann kam die Musik – und mit ihr der süße, schwere Duft der Jugend.

Emotionale Ausnahmezuständler

Sind Fans emotionale Ausnahmezuständler? Matthias Völcker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Göttinger Georg-August-Universität. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist Identitäts- und Fankulturforschung. Fans betrachtet er mit hörbarer Sympathie als „Menschen, die eine langfristige und leidenschaftliche Beziehung zu einem Fangegenstand eingehen“.

Sie investieren Geld und Zeit und gehen eine emotionale Bindung ein. Soziologisch gesehen sei Fansein „ein meist lebenslanger Akkumulationsprozess, es geht darum, sich Wissen als populärkulturelles, symbolisches Kapital über den Fangegenstand anzueignen“. Und jedes neu erworbene Stück „vertieft dieses Wissen, erweitert die Beziehung zum Fangegenstand“.

Wir wollen das geheime Zeug

Gefühl trifft Neugier trifft Habgier. Wir erwachsenen Fans der Popkultur wollen mehr, immer mehr, alles! Insbesondere das geheime und verborgene Zeug, das die Urheber oft gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt hatten.

Wir wollen Skizzenbücher zu den „Star Wars“-Filmen, um das Entstehen dieses irren fiktiven Kosmos zu begreifen, die kompletten Sessions zum Beach-Boys-Album „Pet Sounds“, um die Erschaffung der himmlischen Songs nachvollziehen zu können, wir wollen in Schulbüchern büffeln, anhand derer Harry Potter in Hogwarts etwas über „Phantastische Tierwesen“ lernte. Warum? Weil wir dann mehr als die schnöden Nur-Romanleser über Hippogreife und den Knallrümpfigen Kröter wissen.

Ist der Künstler tot, braucht es nur das Ja der Rechteinhaber

Freilich muss der jeweilige Künstler dazu nicht unbedingt tot sein. Bob Dylan etwa lässt die versunkenen Teile seines musikalischen Werks schon zu Lebzeiten aufarbeiten und befriedigt den Bedarf seiner Anhänger in Eigenkon­trolle, die Websites von Bruce Springsteen oder der Band Pearl Jam verdrießen den illegalen Bootleggern das Geschäft – der Fan kann auf ihren Websites jedes kurz zuvor von ihm besuchte Konzert auf Tonträger bestellen. Joanne K. Rowling schreibt die Zusatzschriften zu ihrer Potter-Saga lieber selbst.

Ist der Künstler aber tot, dann braucht es nur noch das Ja der oft gewinnwilligen Rechteinhaber, und das Vermarkten der Archive hebt an. Nach dem Tod von Elvis Presley anno 1977 wurde immerfort veröffentlicht, bis die Schatzkammer des King blitzeblank war, danach fielen noch Remixer über das Liedgut her und brachten Elvis mit Sinfonieorchestern oder Houserhythmen zusammen. 27 Millionen Dollar verdiente Elvis 2016, bei Michael Jackson waren es 825 Millionen Dollar.

Inzwischen wird verantwortungsbewusster ausgegraben, bearbeitet und dem Markt überantwortet, was von Aretha Franklin, David Bowie, Chuck Berry und Jimi Hendrix übrig blieb. In oft kostbaren Tonträgerboxen werden unveröffentlichte Aufnahmen klanglich in den bestmöglichen Zustand gebracht und mit liebevoll gestalteten Begleitbüchern versehen. Oft sind sie limitiert, was den Reiz für Fans erhöht.

Viele Fans werden sogar selbst produktiv

In der Literatur sind oft die Figuren, nicht ihre Autoren die wahren Stars – und das nicht erst seit den Zeiten von Goethes „Werther“. Sir Arthur Conan Doyle erweckte seinen in der Schweiz verstorbenen Detektiv Sherlock Holmes nach öffentlichen Fanprotesten – London trug 1893 Schwarz – noch höchstselbst zum Leben.

Margaret Mitchell dagegen hatte ihre streitbare Südstaatenschönheit Scarlett O’Hara auf der letzten Seite von „Vom Winde verweht“ mit dem Satz „Schließlich, morgen ist auch ein Tag“ aus der Weltliteratur entlassen. Ihre Kollegin Alexandra Ripley beschrieb 1991 dieses „morgen“ in der Fortsetzung „Scarlett“. David Lagercrantz vollendete jüngst Stieg Larssons vierten Lisbeth-Salander-Thriller.

Ist das nicht Leichenfledderei? „Auch ein Fragment ist ein Teil der ganzen Geschichte“, versichert Matthias Völcker und versteht unter Fortsetzung und Vervollständigung nicht grundsätzlich Schandhaftes. „Der Bezug zum Original ist noch vorhanden.“ Viele Fans würden, wenn die letzte Zeile verschlungen ist, mangels Neuem sogar selbst produktiv. „Fanfiction gab es schon lange vor dem Internet in Fanzines“, verweist Fanforscher Völcker auf ein literarisches Undergroundphänomen. „Der Amateurautor gestaltet die geliebten Charaktere dabei auch um und holt sich dann umgehend das Feedback der Szene ein.“

Millionen scheffeln nach dem Tod: Das sind die reichsten verstorbenen Stars Quelle: RND/Forbes

Kino, Fernsehen und Comics haben diese Verwandlungsmuster in der jüngeren Vergangenheit mit Erfolg aufgegriffen. Prequels und Sequels füllen in Serien und Filmen Wissenslücken der Fans über das Vor- und Weiterleben ihrer Lieblingsmörder Norman Bates („Psycho“) oder Hannibal Lecter („Das Schweigen der Lämmer“). Superhelden wie Batman sind in verschiedenen Comicreihen in Paralleluniversen unterwegs.

Der Schauspieler Heinz Rühmann wusste: „Erfüllte Wünsche bedeuten Stillstand. Solange wir leben, müssen wir unterwegs bleiben.“ Fansein ist ewiges Unterwegssein zu Glück und Expertentum. Wünsche hat der Fan immer. Der eine ist skeptisch gegenüber dem Kommerz, braucht den Kitzel des Exklusiven und kramt lieber im Internet nach speziellen Pressungen von Bay-City-Rollers-Alben.

Andere stehen auf die Exzesse der florierenden Fanindustrie und benötigen zum wirklich Glücklichsein jede Figur aus den „Herr der Ringe“-Filmen aus Hartgummi. „Es findet immer ein Verkauf statt. Entweder verkaufen Sie dem Kunden Ihr Produkt, oder der Kunde verkauft Ihnen sein Nein!“, sagte einst das britische Werbegenie David Ogilvy, von dem der Snobslogan „Bei 60 Meilen pro Stunde kommt das lauteste Geräusch in diesem Rolls Royce von der elektrischen Uhr“ stammt.

Der Fan kauft und (ver-)urteilt dann

Das gilt nicht für den Fan von Popkultur. Er sagt erst Ja, kauft und (ver-)urteilt dann. Kaum jemand spielt auf seiner Party Michael-Jackson-Songs von dem postumen Album „Xscape“. Und die schwachen John-Lennon-Songskizzen „Free as a Bird“ und „Real Love“, die die Rest-Beatles 1995 zu Beatles-Songs hochjazzten, zählen für viele nicht zum Kanon der Fab Four.

Auch die neue Hotzenplotz-Geschichte war dann leider nicht so toll. Solche Enttäuschungen gesteht sich auch der größte Enthusiast ein, und diese Enttäuschungen führen dann ein Leben am Rand der Regale, kommen in Kartons oder – im Fall von „Scarlett“ auch mal in die Altpapiertonne.

Ach ja, im Dezember gibt es die ersten Abba-Songs seit 35 Jahren. 2019 soll ein ganzes Album kommen. Müssen. Wir. Haben.

Von Matthias Halbig

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