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Nachrichten Kultur Daniel Kehlmanns neuer Roman „Tyll“
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15:31 25.10.2017
Mit „Die Vermessung der Welt wurde er berühmt: Daniel Kehlmann. Quelle: dpa
Leipzig

„Ich geh jetzt. So hab ich’s immer gehalten. Wenn es eng wird, gehe ich.“ Dann geht Tyll Ulenspiegel. Er schafft es heraus aus dem Schacht, in dem er verschüttet war, eingeschlossen zusammen mit Söldnern. Denn oben rollt der Krieg. „Ich sterbe hier nicht. Ich sterbe nicht heute. Ich sterbe nicht!“ Und Tyll Ulenspiegel stirbt nicht. Nicht in Daniel Kehlmanns neuem Roman, der auf Platz 2 der Bestsellerlisten eingestiegen ist. Zwar kommt der Titelheld immer mal abhanden, doch das Leben geht weiter ohne ihn und noch mehr das Sterben. Denn so waren die Zeiten.

Sie waren und sie sind es. Das fällt als erstes auf und wird immer deutlicher: Auf eine gewisse Weise kommt es auf die Zeiten gar nicht an. Sie bilden die Kulisse, die hier zusammengesetzt ist aus Fakten und Fiktion. Weil Kehlmanns Themen Krieg und Religion sind, Freiheit, Kunst und Politik, bleibt seinen Sätzen über das Vergangene die Gegenwart eingeschrieben. „Es verging ja nichts“, merkt Elizabeth Stuart, als sie – noch nicht Kurfürstin von der Pfalz und Königin von Böhmen – umständehalber in einem kleinen Haus bei Coventry versteckt werden muss. „Alles war. Alles blieb. Und selbst wenn die Dinge sich änderten, so geschah es immer in dem einen, gleichen, sich nie verändernden Jetzt.“

Furioser Einstieg

Die Zeit bewegt Kehlmann, und so bewegt er die Zeit. „Die Gegenwart ist nur so kurz, die Vergangenheit so lang und so reich, und wenn man aus ihr zurückkommt, ist vieles in der Gegenwart von neuem seltsam und interessant“, hat er im Interview gesagt. Der 42-Jährige, von dem nach seinem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ (2005) mit „Tyll“ der zweite sehr große Wurf erwartet wurde, zeigt sich erneut als geschickter Kulissenschieber. Nur selten knirschen die Scharniere, die alles zusammenhalten, während immer mehr Figuren zueinander in Beziehung stehen – meist durch ihre Begegnung mit Tyll in diesem historisch fundierten Schelmenmärchen, in dem auch der Dichter Paul Fleming als Ex-Thomaner auftaucht.

Doch das wissen die Leser am Anfang noch nicht. Die ersten rund 200 Seiten sind ein furioser Einstieg in Lebens- und Gedankenwelten und in Zeiten, als das Hexen noch geholfen hat – das Beten aber nicht. „Wir beteten viel, um den Krieg fernzuhalten“, berichtet die Erzählerstimme, und davon, dass der Steuereintreiber zweimal im Jahr in die Stadt kam, an diesem Tag aber ein Planwagen, gezogen von einem Esel und mit einem Zelt aus rotem Segeltuch.

Es ist Tyll, der die Leute unterhält und ihnen Streiche spielt, der nicht zu fassen ist bis zum Schluss. Etwas Besonderes geht von ihm aus, von seinen Augen. „Seine feinen Hände aber waren Diebes- oder Schreiberhände, die nie gearbeitet hatten.“ So beginnt die Begegnung mit einem Künstler und Freigeist. Er ist nicht wie die anderen und spürt sofort, wer ihm gleicht. Allen anderen entzieht er sich durch Ironie.

Flucht aus dem Leben

Jener Till Eulenspiegel, von dem man bisher weiß, soll im 14. Jahrhundert gelebt haben. Dieser Tyll streift durch das 17. Jahrhundert. Warum er zu dem wurde, als den Kehlmann ihn erwachsen werden lässt, offenbart sich im fesselnden, dicht erzählten ersten Teil des üppigen Romans. Da lernt der Junge, auf dem Seil zu gehen. Probiert und fällt. Probiert und fällt. „Seiltanz: dem Fallen davonlaufen.“ Vergleichbares versuchen auch die anderen Figuren: der dicke Graf Martin von Wolkenstein, der seinen „Simplicius Simplicissimus“ gelesen hat; oder Elizabeth „Liz“ Stuart und ihr Winterkönig Friedrich, die im Exil in Den Haag recht irdisch hausen; oder Schwedenkönig Gustav Adolf im Feldlager; oder der Universalgelehrte Athanasius Kircher.

Ohne Kircher wäre vieles anders gekommen. Nicht, weil er so klug, sondern weil er so niederträchtig ist, als durch die Dörfer ziehender Jesuit gemeinsam mit seinem Mentor einen Hexenprozess gegen Tylls Vater Claus zu provozieren und durchzuziehen. Claus stammt aus Mölln im lutherischen Norden, ist Müller geworden und hilft nebenbei den Bauern mit jener Heilkunst, deren Erfolg ihn unter den Verdacht der Hexerei stellt. Ein Grübler ist er, gutgläubig und weltabgewandt genug, seiner Zeit voraus sein zu können: „Unendlich viel Zeit kann nicht vorbei sein. Also muss sie eben doch angefangen haben. Aber vorher. Ein Vorher von der Zeit?“. Als er zum Tode verurteilt wird, flieht Tyll, ein Junge noch, in der Nacht gemeinsam mit Bäckerstochter Nele, die ihrerseits vor einem bis in alle Ewigkeit vorbestimmten Alltag davonläuft.

„Ihr nennt es Politik“

Neben der sich emanzipierenden Künstlerin gibt es die sich emanzipierende Königin, Liz, der in Deutschland das gute englische Theater fehlt, nicht hingegen die Courage, sich durchzusetzen. Das Geschacher um Thron und Kurwürden ist ein hübscher Ausflug in die niedere Diplomatie. Oder wie Liz sagt: „Ich schlage vor, Ihr nennt es Politik.“ Neben der Neigung zu Shakespeare gönnt Kehlmann ihr einen Smalltalk mit Graf Wolkenstein, in dem John Donne zu Ehren kommt, dessen Poem mit den inzwischen geflügelten Worten „Kein Mensch ist eine Insel“ Dieter Hildebrandt in der „Zeit“ mal als „eines der vehementesten Solidaritätslieder“ bezeichnet hat, „fast könnte man es die erste Internationale nennen“.

Cover. Quelle: Rowohlt Verlag

Diese über Schönheit hinausweisende Kraft der Kunst und der Sprache ist es, die Kehlmann als roten Faden auslegt. Dass er dies in Tylls Namen tut („Dafür hatte man ja einen Hofnarren: damit einem der Verstand nicht einschlief bei all der Huldigung.“), bringt ihn den Freiheitsgedanken am nächsten. Dem Fallen davonzulaufen, schafft Distanz, auch emotional. Die Komik etlicher Dialoge könnte ein weiterer Grund dafür sein, sich behaglich und gut unterhalten zu fühlen in einem Roman der Pein und des Tötens auf den Schlachtfeldern des Dreißigjährigen Kriegs.

Man sitzt mit dem Erzähler im Flackern eines Lagerfeuers, das kaum wärmt. Bis zum Schluss, der weniger mit den Menschen versöhnt als mit dem Schicksal und der Zeit, über die der junge Tyll schon gewusst hat: „Früher war Jetzt, und jetzt ist Jetzt, und in der Zukunft, wenn alles anders ist und wenn es andere Menschen gibt und keiner außer Gott mehr von ihm und Agneta und Claus und der Mühle weiß, dann wird es immer noch Jetzt sein.“

Daniel Kehlmann: Tyll. Roman. Rowohlt Verlag; 480 Seiten, 22,95 Euro

Von Janina Fleischer

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