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Nachrichten Kultur Warum Graphic Novels immer erfolgreicher werden
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10:46 12.05.2018
Vielseitiges Genre: Graphic Novels richten sich an Erwachsene und zählen inzwischen eindeutig zur Hochkultur. Illustrator Reinhard Kleist hat sich etwa Musiker Nick Cave zeichnerisch vorgenommen. Quelle: Carlsen
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Hamburg

Auf dem Küchentisch liegt ein Band der Reihe “Walt Disneys Lustiges Taschenbuch“. Sonst weist erst einmal nichts darauf hin, dass hier eine Illus­tratorin und Comiczeichnerin lebt. Da muss man schon ins Wohn- und Arbeitszimmer von Kristina Gehrmann kommen: Dort hängen Zeichnungen an den Wänden, in den Regalen finden sich Bände wie “Crea­tive Illustration“, “Illustration of the 50s“ und “The Art of Hergé“, also die Kunst von Hergé, dem berühmten belgischen Cartoonisten, der die “Tim und Struppi“-Bände gezeichnet hat. Das eine Regal, das mit Comics vollgestellt ist, gehöre allerdings gar nicht ihr, sagt die Illustratorin, sondern ihrem Freund.

Die Zeichnerin, geboren 1989 in Leverkusen, zeigt auf “ihre“ Regalbretter. Dort stehen zahlreiche Sachbücher über die Franklin-Expedition, die Reise des britischen Forschers John Franklin, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Nordwest-Passage durchsegeln wollte – und mit seiner gesamten Mannschaft im kanadisch-arktischen Eis umkam. Die Geschichte der tragischen Expedition hat Kristina Gehrmann in einer dreiteiligen Graphic Novel verarbeitet.

Für den ersten Band ihrer Trilogie “Im Eisland“ hat sie 2016 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch erhalten. Und jetzt hat die Zeichnerin, die am Rand des Hamburger Stadtteils St. Pauli lebt, einen Roman mit historischem Hintergrund bearbeitet: In diesem Frühjahr ist im Carlsen-Verlag ihre Graphic Novel von Upton Sinclairs 1906 veröffentlichten Roman “Der Dschungel“ auf den Markt gekommen.

“Mir ist egal, wie man das nennt“: Illustratorin Kristina Gehrmann hat Upton Sinclairs 1906 veröffentlichten Roman “Der Dschungel“ als Graphic Novel umgesetzt. Quelle: Alena Zielinski

Graphic Novel – das gilt längst als feste Größe im Literaturmarkt. Gemeint sind damit gezeichnete Romanadaptionen oder komplexe, in sich abgeschlossene, eigene Geschichten, oft auch Autobiografien. Manche Künstler bevorzugen allerdings den Begriff Comicroman. Und wieder andere bleiben lieber beim Begriff Comic – egal wie umfangreich oder anspruchsvoll die Geschichten auch sein mögen.

In den vergangenen Jahren jedenfalls sind zahlreiche solcher hochkarätigen Novels erschienen: Adaptionen von Klassikern wie zum Beispiel Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und Uwe Timms Bestseller “Die Entdeckung der Currywurst“. Der Zeichner Jens Harder hat sich im vergangenen Jahr erfolgreich an das älteste überlieferte Epos der Menschheit, “Gilgamesch“, gewagt.

Es gibt Biografien über Musiker wie Nick Cave und Johnny Cash. Und gerade hat Liv Strömquist ihre Sach-Graphic-Novel “Der Ursprung der Liebe“ veröffentlicht. Darin erklärt sie die Entwicklung des modernen Begriffs von Beziehung und schildert, wie sich die Konventionen in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt haben.

Die Zahl der Comictitel steigt kontinuierlich

Bücher wie von Harder und Strömquist sorgen für viel Aufmerksamkeit bei Lesern und Literaturkritikern. Wie hoch der Verkaufsanteil von Graphic Novels im deutschen Buchmarkt ist, lässt sich allerdings nicht genau beziffern. An Comics – wozu Graphic Novels gerechnet werden –, Cartoons und Mangas sind im Jahr 2017 laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2007 gedruckte Titel erschienen. Wie viele davon Graphic Novels sind, hat der Börsenverein nicht ermittelt. Eindeutig ist jedoch, dass die Zahl der Comictitel seit einigen Jahren kontinuierlich steigt: 2013 waren es 1752, 2016 bereits 1994.

Zeichner, Verleger und viele Fans treffen sich auf bekannten Festivals wie im französischen Angoulême, im schweizerischen Luzern, auf zahlreichen regionalen Treffen oder in wenigen Wochen beim Internationalen Comic-Salon Erlangen. Und reif fürs Museum ist die Neunte Kunst, wie Comics genannt werden, längst: In Oldenburg haben sich das Stadtmuseum, das Horst-Janssen-Museum und das Edith-Russ-Haus für Medienkunst in einer dreiteiligen Ausstellung mit dem Medium beschäftigt.

In der Bundeskunsthalle in Bonn waren schon Comics zu sehen. Auch das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe stellte 2014 in einer großen Ausstellung historische und aktuelle Künstler aus. Und in Hannover befasst sich das Wilhelm-Busch-Museum mit der Karikatur, der politisch brisantesten Form der Bildgeschichten.

Anspruchsvolle Titel für ein erwachsenes Publikum: Graphic Novels wie “Der Dschungel“ haben oft auch stilistisch nicht mehr viel mit bunten Superhelden- oder Disney-Comics zu tun. Quelle: Gehrmann/Carlsen

In Hamburg, wie auch in anderen Ausstellungen, konnten Besucher nachvollziehen, wie sich das Medium von frühen Bilderbögen über Bildergeschichten zum Beispiel von Wilhelm Busch bis zu ersten Comicstrips in US-amerikanischen Zeitungen entwickelt hat.

Die Zeit, in der besonders in Deutschland Pädagogen und besorgte Eltern vor den vermeintlichen Schundheften warnten, ist längst vorbei. Das Angebot ist vielmehr vielfältig wie nie zuvor: Es reicht von harmlosen Cartoons für Kinder über bildgewaltige Schauergeschichten, von japanischen Mangas bis zu ästhetisch und thematisch ambitionierten Graphic Novels.

Mit der Belletristik hat der Markt für Bildgeschichten gemein, dass das qualitative Spektrum von Trash bis Hochkultur reicht und die thematische Bandbreite enorm ist. 1984 veröffentlichte der Amerikaner Art Spiegelman den gezeichneten Roman “Maus“, in dem er die Erlebnisse seiner Eltern, polnischer Holocaust-Überlebender, gezeichnet hat. Seitdem weiß man: Auch ernste Themen lassen sich – wenn der Künstler dazu in der Lage ist – als Graphic Novel gestalten.

Die Verkaufszahlen sind überschaubar

“Maus“ hat sich weltweit mehrere Millionen Mal verkauft und war auch in Deutschland ein kommerzieller Erfolg. Doch verglichen mit Ländern wie Frankreich und Belgien, wo Graphic-Novel-Künstler auf langen Signiertouren wie Stars verehrt werden, geht es in Deutschland bei dem Medium ungleich bescheidener zu.

“Das Geschäft mit Graphic Novels ist ein ambitioniertes“, sagt Claudia Jerusalem-Groenewald vom Hamburger Carlsen-Verlag, der seit mehr als 50 Jahren Comics veröffentlicht. Das meint: Die Verkaufszahlen sind – trotz des großen, auch medialen Interesses – überschaubar. Die erfolgreichen Titel ihres Verlags erzielten eine Auflage von 10 000 Stück, sagt Jerusalem-Groenewald, sonst lägen sie bei 5000 Exemplaren.

Seit 2007 hat der Verlag eine Graphic-Novel-Abteilung im Programm. Das sei vor allem ein Label. “Letztlich sind das alles auch nur Comics“, sagt die Pressefrau. Am ehesten noch könne man Graphic Novels als Untergenre der Comics beschreiben, als anspruchsvolle Titel für ein erwachsenes Publikum.

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis: Die Trilogie “Im Eisland“ von Kristina Gehrmann. Quelle: Alena Zielinski

Der Künstlerin Kristina Gehrmann ist es “egal, wie man das nennt“. Sie bezeichnet sich als Illus­tratorin und gestaltet Buchcover und Kalender ebenso wie Graphic Novels. Comics hat sie “schon immer“ gelesen, angefangen bei Klassikern wie “Asterix“, “Tim und Struppi“ und “Micky Maus“. Gezeichnet hat Gehrmann bereits als Kind. “Erst nur für mich“, erzählt sie, dann habe sie begonnen, Zeichen- und Malkurse in der Volkshochschule zu besuchen. Ihre Eltern hätten das immer unterstützt.

Bereits früh hat Gehrmann im Internet Arbeiten ausgestellt und so schon im Teenageralter erste kleine Aufträge erhalten. Damals verstand sie plötzlich, dass “Zeichnen ein echter Beruf ist“. Auf den hat sie dann hingearbeitet und dabei alles auf eine Karte gesetzt. Schließlich, sagt sie, habe sie wegen ihrer starken Hörbehinderung Jobs an der Kinokasse oder in der Kneipe gar nicht ausüben können.

Nach dem Abitur besuchte Gehrmann eine Zeichenschule, die Angel Academy of Art in Florenz. Das erste Jahr an der Privatschule zahlten ihre Eltern, für die beiden weiteren Jahre erhielt sie ein Stipendium. “An der Schule lernt man das Handwerk“, sagt Gehrmann. Ganz klassisch habe sie dort vom Aktzeichnen bis zum Malen von Stillleben verschiedene Genres und Techniken studiert. “Für mich war das genau richtig“, sagt sie.

“Die erste Zeit war schwierig“

2011 zog die junge Frau nach Hamburg, ein Jahr später hat sie sich als Illustratorin selbstständig gemacht. “Die erste Zeit war schwierig“, sagt sie. Irgendwann stieß sie dann auf die authentische Geschichte von John Franklin, hat die Ereignisse der Polarexpedition akribisch recherchiert und für ihre Trilogie “Im Eisland“ zahlreiche Originalquellen ausgewertet. Das Ergebnis ist eine packende Graphic Novel, die in klassischem Schwarz-Weiß die Expedition schildert, im Stil inspiriert von japanischen Mangas.

Eine spannende Geschichte zu entdecken und zu adaptieren – das reizte Kristina Gehrmann auch an ihrem neuen Projekt. Upton Sinclairs Roman “Der Dschungel“ erzählt von dem jungen Litauer Jurgis Rudkus, der mit seiner Verlobten in die USA auswandert. Er landet als Arbeiter in den Schlachthöfen von Chicago und muss – die Löhne sind niedrig, die Arbeitsbedingungen unmenschlich – ums Überleben kämpfen. “Ich mag es, dass es sich um historische Figuren handelt, die es so oder so ähnlich gegeben haben könnte“, sagt die Zeichnerin über ihr Faible für historische Stoffe, “bei der Geschichte leidet man richtig mit.“

Entwurf mit Bleistift, Umsetzung am Computer: Spezialsoftware und Graphictablet sind Kristina Gehrmanns wichtigste Werkzeuge. Quelle: Alena Zielinski

Aus einem Regal holt die Illustratorin ihr Storyboard – auf den DIN- A 4 großen Seiten, die von einem Schnellhefter zusammengehalten werden, hat sie Szenen skizziert. Bei “Der Dschungel“ ging sie genauso vor wie bei “Im Eisland“: Per Hand mit Bleistift entstehen die ersten Entwürfe auf Papier. Schon in dieser Phase entscheidet die Zeichnerin, wie die Seiten später aufgeteilt sind, wie viele Einzelbilder pro Seite erscheinen sollen. Die Hauptarbeit erledigt sie dann am Computer. Der steht auf dem Schreibtisch im Wohn- und Arbeitszimmer, gegenüber dem Tisch ihres Partners, eines Mediengestalters.

Am Rechner arbeitet die Illustratorin ihre Entwürfe aus. Mit einem speziellen Computerprogramm für Comiczeichner legt sie erst die Rahmen für die einzelnen, unterschiedlich großen Bilder an. Mit einem Stift zeichnet sie auf ihrem Graphictablet die Figuren, deren Umgebung, die Schlachthöfe von Chicago, die Wohnungen.

Immer komplexer werden die Einzelbilder, und aus den anfangs einfachen skizzierten Gesichtern entstehen charakteristische Porträts. “Dabei wollte ich wieder einen anderen Stil ausprobieren“, sagt Gehrmann über die Arbeit an “Der Dschungel“, dessen Stil modern und eindringlich wirkt. Ausprobiert hat sie sich auch mit dem Text: Gehrmann benutzt keine Zitate aus dem Roman – “der Text ist komplett von mir“. Mehrere Wochen habe sie dafür gebraucht.

Keine reine Männerdomäne mehr

Kristina Gehrmann gehört zu den Frauen, die sich seit einigen Jahren in dem Medium einen Namen gemacht haben oder gerade machen. Noch vor einer Weile waren Graphic Novels eher eine Sache für Männer – sowohl bei den Künstlern als auch bei den Käufern. Seit sich die Novels immer stärker von den klassischen Superhelden-Geschichten entfernten, interessierten sich mehr und mehr Leserinnen für gezeichnete Novels, sagt Carlsen-Sprecherin Claudia Jerusalem-Groenewald.

Zeichnerinnen wie Anke Feuchtenberger, Isabel Kreitz, Katharina Greve und Ulli Lust gehören zu den hochgelobten Künstlerinnen. Die gebürtige Österreicherin Ulli Lust, Professorin für Illustration an der Hochschule Hannover, hat ihre aktuelle Graphic Novel “Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ sogar im renommierten Suhrkamp-Verlag veröffentlicht. Das zeigt zweierlei: dass die Novels eindeutig zur Hochkultur gezählt werden – und dass auch Verlage mit ausgesprochen literarischer Tradition versuchen, vom Aufstieg des Mediums zu profitieren.

Von märchenhaft-verspielt bis zu reduzierter Schwarz-Weiß-Ästhetik: Kristina Gehrmann will bewusst vielfältig arbeiten. Quelle: Alena Zielinski

Kristina Gehrmann zählt zu den jungen Zeichnerinnen, die ganz selbstverständlich mit Comics aufgewachsen sind und für die es nicht ungewöhnlich ist, dass es Studiengänge für Comiczeichner gibt – und dort auch Professorinnen lehren. Überhaupt redet sie ganz unaufgeregt über ihren Beruf. Mehrmals betont sie im Gespräch, wie wichtig es sei, dass Zeichner sich auch gut mit Buchhaltung und Steuerfragen auskennen. Man ist schon ein bisschen überrascht, dass so eine freundliche, aber auch pragmatisch wirkende Frau gerade Upton Sinclairs bitteren Roman über Ausbeutung und enttäuschte Hoffnungen gezeichnet hat. Und dann auch noch in Schwarz-Weiß-Bildern mit vielen Schatten.

Doch Kristina Gehrmann hat eine Vorliebe für finstere Geschichten; das erkennt man, wenn sie Graphic Novels ihrer Lieblingskünstler aus dem Regal holt. In den Mangas des japanischen Zeichners Junji Ito, bekannt für seine Horrorcomics, und in Yoshikazu Yasuhikos Version der Erlebnisse von Jeanne d‘Arc geht es nicht gerade zimperlich zu. Ganz vergnügt und aufgeräumt zeigt Kris­tina Gehrmann die Seiten mit verzerrten Fratzen und Horrorwesen.

Auf Gehrmanns Website findet man auch verspielte, bunte und selbst romantische Bilder wie einen niedlichen Baby-Drachen, ein reizendes Rotkäppchen oder ein Paar auf einem Motorroller. Die junge Illustratorin will bewusst so vielfältig arbeiten. “Ich probiere mich gern aus“, sagt sie. Das passt zu dem Medium Graphic Novel, bei dem im Moment nahezu alles möglich scheint.

“Die Verführung zum Lesen funktioniert“

Ulli Lust, geboren 1967 in Wien, lebt und zeichnet in Berlin. Ihr Comicroman “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2017 erschien bei Suhrkamp die Fortsetzung “Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ (367 Seiten, 25 Euro). Quelle: Barbara Dietl

Ulli Lust, mehrere Jahre lang haben Sie Comicreportagen gezeichnet, dann erschien 2009 Ihr erster autobiografischer Comicroman “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“. Warum haben Sie das Genre gewechselt?

Ich mochte das dokumentarische Zeichnen irrsinnig gern: Man zeichnet die reale Welt und interpretiert sie. Doch dann habe ich nach einem Stoff für ein längeres Buch gesucht. Erst habe ich eine Weile daran gearbeitet, die Geschichte des Berliner Friedrichstadtpalastes von 1868 bis in die Gegenwart zu zeichnen. Dafür hat sich leider kein Verlag gefunden. Dann kam die Idee auf, meine eigene Geschichte zu erzählen - wie ich mit 17 aus meinem Leben in Wien ausbreche und mit einer Freundin nach Italien trampe. Als ich damit anfing, habe ich gemerkt: Dokumentarisches und autobiografisches Arbeiten ist gar nicht so unterschiedlich.

Sie geben beim autobiografischen Arbeiten einen intimen Einblick in Ihr Privatleben. In Italien haben Sie ja schmerzhafte Situationen erlebt, zum Beispiel eine Vergewaltigung.

Natürlich ist es ein Unterschied, weil ich mich beim autobiografischen Zeichnen offenbaren muss.

Hat Sie das große Überwindung gekostet?

Ja. Ich habe vorher über die Italien-Reise nie wirklich geredet, weil sie mir peinlich war. Vor dem Roman habe ich höchstens mal auf einer Party eine Anekdote erzählt über diese zwei Punkermädchen, die übermütig durch die Welt gezogen sind. Doch eigentlich war das eher ein dunkler Fleck in meiner Biografie, über den ich nicht gern gesprochen habe. Doch sobald man beschließt, sich an solch einen Stoff zu wagen, muss man auch konsequent sein und darf nichts schönen.

“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ wurde ein überwältigender Erfolg – mehrfach übersetzt und mit allen renommierten Comicpreisen ausgezeichnet. Wann war Ihnen klar, dass es einen Nachfolgeband geben würde?

In der aktuellen Graphic Novel “Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ geht es um eine Dreiecksbeziehung, die ich Ende der Achtzigerjahre in Wien geführt habe. Ich hielt das einfach für einen guten Plot, gerade weil es so gut und so lange geklappt hat. Wenn man überlegt, dass unsere Gesellschaft immer prüder wird, ist der Plot heute vielleicht besonders spannend.

Drei Jahre lang haben Sie in dieser Dreiecksbeziehung gelebt, die zwar lange gut lief, jedoch gewalttätig endete. Haben Sie Ihr Leben mit zwei Männern – zum einen dem Künstler Georg, zum anderen dem Nigerianer Kimata – damals als etwas Besonderes empfunden?

Durchaus, ich fand das auch immer kurios und habe gern meinen Freunden davon erzählt. Solange es funktioniert hat, fand ich das super. Es gefällt mir immer, wenn sich ungewöhnliche Konstellationen als fruchtbar erweisen.

Wie nah war Ihnen bei der Arbeit am Buch die 22-jährige Ulli?

Ich möchte mit der nicht mehr so viel zu tun haben, die ist mir nicht so lieb wie die 17-Jährige mit ihrer lebenshungrigen Euphorie. Mit 22 war ich viel zerrissener, voller Schuldgefühle und unkanalisierter Sehnsüchte. Ich hatte einen fünfjährigen Sohn, der bei meinen Eltern aufwuchs, und ich habe versucht, mir eine Zukunft aufzubauen. Ohne genau zu wissen, wo die eigentlich liegen könnte. Das war sehr deprimierend.

Schon Ihr erster Comicroman wurde als “feministisches Statement“ bezeichnet. Sind Ihre Bücher auch so gemeint?

Absolut. Ich fühle mich als Feministin. Ich habe immer gedacht: Warum beschwert sich jemand darüber, wenn eine Frau zwei Männer hat? Umgekehrt kräht doch auch kein Hahn danach. Was Männern erlaubt ist, muss auch Frauen erlaubt sein – ganz einfach.

Seit Sie als Zeichnerin begonnen haben, hat sich die Comicszene enorm entwickelt. Wo steht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern?

Immer noch hintenan. Mit der Situation in comicbegeisterten Ländern wie Frankreich oder Belgien kann man das einfach nicht vergleichen. Doch es kommen immer mehr Künstler nach, die viel Zeit in diese großen Bücher investieren. Je mehr gedruckt wird, desto mehr Menschen fühlen sich motiviert, selbst Graphic Novels zu produzieren. Die Schwachstelle in Deutschland ist der Buchhandel: Die Händler wissen oft nicht, wo sie Comics oder Graphic Novels platzieren sollen, und stellen sie dann ins Regal für die Kinderbücher. Das ist für diese Art von Geschichten absurd.

Hilft das Label “Graphic Novel“?

Gerade in Deutschland hatte man Angst vor Comics, lange galten sie als Trash. Das hat sich natürlich geändert. Dass Suhrkamp Comics druckt, zeigt diesen Paradigmenwechsel deutlich. Comic ist ja erst mal auch nur ein Medium und sagt noch nichts über den Inhalt. Jetzt füllt man das mit ganz anderen Geschichten als früher und hat dem Ganzen zusätzlich einen neuen Namen gegeben – Graphic Novel. Das schafft eine neue Aufmerksamkeit. Dennoch muss man sich vor Augen führen, dass die Verkaufszahlen eher traurig sind: Wenn ein Comic eine Auflage von 3000 Stück erreicht, gilt das als Erfolg.

Reichlich wenig, wenn man bedenkt, wie sehr Bilder unsere Welt prägen.

Wie gesagt, ich halte das eher für ein Vertriebsproblem. Und man kann es auch andersherum betrachten: Ich find es eher erstaunlich, dass ein altmodisches Medium wie eine Bilderzählung heute so reüssiert. In einer Zeit, in der viele denken, alles müsse Geräusche machen und sich bewegen. Manchmal wundert es mich fast, dass es möglich ist, mit Bildern und etwas Text die Leute mitzunehmen, dass die Verführung zum Lesen funktioniert.

Wer bekommt den Max-und-Moritz-Preis?

Unter den Nominierten für den Max-und-Moritz-Preis: “The Artist – Der Schnabelprinz“ von Anna Haifisch. Quelle: Verlag

Es gilt als wichtigstes Comicfestival in Deutschland: Zwischen dem 31. Mai und dem 3. Juni werden wieder rund 25 000 Anhänger gezeichneter Geschichten beim Internationalen Comic-Salon im bayerischen Erlangen erwartet. Im Rahmen des 1984 gegründeten Festivals, das alle zwei Jahre stattfindet, wird am 1. Juni auch der renommierte Max-und-Moritz-Preis in verschiedenen Kategorien vergeben.

Nominiert ist unter anderem die Graphic Novel “Die drei ??? – Das Dorf der Teufel“ (Kosmos, 128 Seiten, 16,99 Euro). Darin verschlägt es die drei jugendlichen Meisterdetektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews in ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben scheint.

Ebenfalls unter den Nominierten findet sich Reinhard Kleists gezeichnete Biografie “Nick Cave – Mercy on Me“ (Carlsen, 328 Seiten, 24,99 Euro). In kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Kleist von Leben und Werk des heute 60-jährigen Künstlers. Kleist, der mit dem Zeichenstift schon die Leben von Johnny Cash, Elvis Presley und Fidel Castro erzählt hat, erweist sich auch in seinem neuesten Werk wieder als Meister der Biografie.

Sonderpreis für den Erfinder von “Valerian und Veronique“

Ebenfalls ein biografisches Werk legt der Basler Newcomer Jan Bachmann vor, der sich in “Mühsam – Anarchist in Anführungsstrichen“ (Edition Moderne, 96 Seiten, 19 Euro) das Leben von Erich Mühsam vorgenommen hat. Bachmann konzentriert sich auf drei Monate im Jahr 1910 und bringt dem Leser weniger den Anarchisten nah, der die Revolution von 1918 mitbestimmt, als vielmehr den jungen Dichter, der noch von der Revolution träumt.

Auch Sarah Burrini kann mit ihren Web-Comics, die nun zum dritten Mal als Buch erscheinen, auf den Max-und-Moritz-Preis hoffen. Die Kölner Zeichnerin mischt in “Das Leben ist kein Ponyhof“ (Panini Books, 96 Seiten, 12,99 Euro) auf herrliche Art Alltagserfahrungen mit skurrilen Geschichten über Party-People, konzentriertes Arbeiten und Schafe als Schlafmittel und ebenso abgefahrene Personen.

In ihrem Buch “The Artist – Der Schnabelprinz“ (Edition Moderne, 112 Seiten, 18 Euro) widmet sich die Leipziger Zeichnerin Anna Haifisch liebevoll den Zumutungen und Ängsten der Künstlerexistenz. Lustig und anrührend.

Den Sonderpreis für sein hervorragendes Lebenswerk erhält in diesem Jahr Jean-Claude Mézières. Der 79-jährige Franzose ist vor allem durch seine Science-Fiction-Serie “Valerian und Veronique“ bekannt geworden.

Von Martina Sulner/RND

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