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00:32 14.03.2018
Rette mich: Der Chor der Staatsoper Hamburg in der Inszenierung des Verdi-Requiems von Calixto Bieito. Quelle: Brinkhoff/Moegenburg
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Hamburg

 Rasch tritt der Tod den Menschen an. Eine winzige Kursänderung, ein einziger Schritt in die falsche Richtung, schon kann jemand, dem man sich eben noch so eng verbunden gefühlt hat, für immer verschwunden sein. Die Mutter, die gerade mit ihrem Sohn Ball gespielt hat, vollführt nur eine kleine Drehung – und greift an der Stelle ins Leere, an der sie den Kopf ihres Kindes zu Streicheln erwartet hat. So einfach, so unspektakulär und so furchtbar alltäglich zeigt der Regisseur Calixto Bieito das Ende. Der Spanier, dem zu Beginn seiner Karriere in Hannover kaum eine Szene drastisch genug sein konnte, hat an der Hamburgischen Staatsoper eine elegische, aber auch hoffnungslos verdunkelte Bühnenversion von Verdis Vertonung der katholischen Totenmesse geschaffen. 

Einige Kilometer weiter war unmittelbar nach der mit viel Beifall und einigen Buh-Rufen aufgenommenen Premiere im Opernhaus das tönende Gegenstück zu dieser fatalistischen Musik zu hören: In der Elbphilharmonie hat Bernard Haitink das fünf Jahre früher entstandene „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms dirigiert. Mit ungeheurer Gelassenheit und jenseits aller Effekte ließ der 89-jährige Dirigent die hoffnungsvollen Klänge dieser Totenmusik wunderbar silbrig aufleuchten. Zusammengenommen ergaben die beiden so unterschiedlichen Requien eine tönende Totenschau von universellem Umfang.

Während Verdi seine Messe mit dem wiederholten Ausruf „Libera me, Domine“ – Rette mich, Herr – leise flehend beschließt, bevor die Musik ohne Aussicht auf Erfüllung dieser Bitte im Nichts erlischt, erhebt sich Brahms im metaphysischen Finale des „Deutschen Requiems“ in neue Welten. „Selig sind die Toten“, schwärmt bei ihm der Chor, „von nun an“. Die Geigen schwingen sich dazu zum schönsten Oktavsprung der Musikgeschichte auf: Sie spielen zweimal den gleichen Ton – und haben die Musik dabei doch in übersinnliche Sphären.

Beide Aufführungen werden der speziellen Sicht der Komponisten auf den Tod auf jeweils besondere Weise gerecht. Das „Deutsche Requiem“ gehört zu den Lieblingsstücken vieler Kirchenchöre. So hell ausgeleuchtet und klarsichtig wie in der Elbphilharmonie, ist es aber nur sehr selten zu hören. Natürlich hat Bernard Haitink mit gewaltiger Erfahrung und der Abgeklärtheit des Alters entscheidenen Anteil daran. Mit dem Orchester und vor allem dem Chor des Bayerischen Rundfunks hat er aber auch Ensembles an der Hand, die über scheinbar unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten verfügen. Der Saal mit seiner unbestechlichen Akustik hebt das Ganze endgültig zum Ereignis: Vor allen in den tiefen Lagen tönt das Requiem mit einen vielen Orgelpunkt-Tönen meist völlig diffus. Hier nicht: Erst die klare Architektur des Fundaments ermöglicht Aufstieg und Verklärung dieser Musik.

Wie ruft man Gott an?

In der Staatsoper setzt der fast 50 Jahre jüngere Dirigent Kevin John Edusei dagegen mit Geschick auf einen sehnig-dramatischen Klang. So lieferte er beste Argumente für die Aufassung, Verdis „Messa da Requiem“ sei dessen schönste Oper. Bieito hat das Bonmot ohnehin beim Wort genommen und das Werk behutsam bebildert. Dabei musste er erstaunlich wenig tun, um den formalhaften Messetext in ein Drama zu verwandeln. Er hat den Sängern des fabelhaften Solistenquartetts um die Sopranistin Maria Bengtsson individuellen Charakter verliehen und einige wenige kleine Szene wie den Tod des Jungen zu Beginn dazu erfunden, um das Allgemeine in etwas Persönliches zu verwandeln. 

Das funktioniert in den verschiedenen Abschnitten des Requiems unterschiedlich gut: Wenn die Sänger Gott anrufen, sich dabei aber gegenseitig ansingen, wirkt es manchmal seltsam; meistens sind die sparsamen Aktionen aber schlüssig. Bühnenbildnerin Susanne Gschwender hat dafür einen zurückhaltend-imposanten Rahmen aus hohen, beweglichen Regalelementen geschaffen, die gewaltige Kolumbarien sein könnten aber auch fragile Trennwände, die die Lebenden von den Toten scheiden. 

Am Ende findet der Regisseur sogar ein Bild für die ausweglose musikalische Stimmung: Das Urnenregal liegt inzwischen flach auf dem Boden, die Sänger des souveränen Staatsopernchores verteilen sich in den einzelnen Fächern und recken flehend die Arme: „Libera me“.  Vorne stehen die Solisten und versuchen, das wogende Gräberfeld mit Gurten von der Stelle zu bewegen. Nichts passiert. Ein letztes, leises verhauchendes „Libera me“ des Soprans. Der Tod lässt sich nicht beiseite schieben. Gut, dass das „Deutsche Requiem“ noch folgen wird.

Die Requien

An der Staatsoper Hamburg ist Calixto Bieitos Version von Verdis „Messa da Requiem“ wieder am 14., 17., 20., 23., 27. und 31. März zu erleben. „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms steht gerade beim hannoverschen Bachchor auf dem Probenplan: Das Konzert unter Leitung von Jörg Straube ist am Donnerstag, 17. April, um 20 Uhr in der Marktkirche.

Von Stefan Arndt

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