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Der Norden VW-Azubis arbeiten in Auschwitz gegen das Vergessen
Nachrichten Der Norden VW-Azubis arbeiten in Auschwitz gegen das Vergessen
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00:18 27.09.2018
Ein Symbol für den Ort: Talisa Harings (21) und Igor Kasperski (19) reparieren gemeinsam den Stacheldrahtzaun. Quelle: Hürter
Auschwitz

Das Grauen in den Augen von Estelle Eichler ist nicht zu übersehen. Sie hält einen kleinen Lederschuh in den Händen, berührt ihn behutsam, als wäre er zerbrechlich. Die 18-Jährige schaut zu Sophie Heck (17) hinüber, die am Nachbartisch eine Sandale entstaubt. Der Staubsauger dröhnt, die jungen Frauen tragen Masken, sie sprechen kein Wort, aber ihre Augen sagen genug. Die beiden Frauen reinigen Schuhe von Opfern, die im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurden. Estelle Eichler und Sophie Heck sind Auszubildende bei Volkswagen; sie gehören zu einer Gruppe von 27 VW-Azubis aus Deutschland und Polen, die 14 Tage lang dabei helfen, die Gedenkstätte in Auschwitz vor dem Verfall und dem Vergessen zu bewahren.

Die Schuhe erinnern in der Ausstellung neben Schüsseln, Bürsten, Koffern, Brillen und Haaren der Opfer an die Verbrechen der Nationalsozialisten, die bis heute unbegreiflich sind. „Bei den ersten Schuhen hatte ich eine unglaubliche Gänsehaut, ich hatte Tränen in den Augen“, sagt Eichler.

Die angehende Elektronikerin aus Zwickau hält kurz inne, betrachtet das Leder, die Schnürsenkel, die zerlöcherte Sohle. Bei den Kinderschuhen ist es für sie am schlimmsten. „Frauen und Kinder wurden zuerst umgebracht“, sagt die 18-Jährige. Sie spricht laut, aber ihre Stimme zittert. Wie viele Menschen in Auschwitz starben, ist nicht genau bekannt. In dem Ort war das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten, die mehr als sechs Millionen Juden, aber auch Gegner des Systems, Menschen mit Behinderungen und Homosexuelle umbrachten.

Ging das Kind, dem der Schuh gehörte, allein in die Gaskammer, oder hatte es seine Eltern dabei, seine Geschwister oder Großeltern? Wie konnte es zu dem Massenmord kommen? Fragen wie diese gehen den Frauen bei ihrer Arbeit durch den Kopf. Nicht alle können beantwortet werden, aber Gespräche helfen zumindest, die Eindrücke zu verarbeiten. Nach der Arbeit tauschen sie sich mit den anderen Auszubildenden aus. Und mit der Pädagogin Ines Doberanzke-Milnikel von VW und Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee, die das Projekt organisieren.

Sein letztes Wort: „Mama“

„Die anderen sind für einen da, wenn es zu viel wird“, sagt die 19 Jahre alte Brianne Gehrt. Die angehende Industriekauffrau aus Wolfsburg ist damit beschäftigt, Rost und Rückstände von alten Konservierungsmitteln vorsichtig von einer blauen Schale zu kratzen, die einst einem Häftling gehörte. Für sie wurde es zu viel, als Heubner die Geschichte eines zwölfjährigen Jungen aus Griechenland erzählte: Er wollte fliehen, wurde dafür auf dem Appellplatz im Lager vor den Augen der anderen Häftlinge gehängt. Sein letztes Wort war eines, das alle Menschen verstehen, egal ob aus Deutschland, Polen, Ungarn, Frankreich oder Italien: „Mama“.

„Man denkt sofort an zu Hause, an die eigene Familie“, sagt Gehrt. Sie spricht leise, schaut dabei nach unten, auf die Schüssel, die sie in der Hand hält. „Ich habe gewusst, was auf mich zukommt, aber es ist doch was anderes, hier zu sitzen. Es hat mich überwältigt.“

Eichler, Heck und Gehrt arbeiten im Stammlager Auschwitz, das Heinrich Himmler 1940 als Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei in Auftrag gab. Die VW-Auszubildenden helfen aber auch dabei, das drei Kilometer entfernte Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau als Ort der Erinnerung zu bewahren. Unendlich weit wirkt das 170 Hektar große Gelände. Den Großteil der Gebäude zerstörten die Nationalsozialisten, um Spuren zu verwischen, kurz bevor Auschwitz im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde.

Hier und da stehen heute noch Baracken. Steinsäulen ragen in die Höhe und werfen Schatten auf Bahngleise, die Fundamente von Gaskammern und Teile von Krematorien. Die Sonne strahlt vom blauen, wolkenlosen Himmel herab, was nicht passen will zu den Gefühlen der jungen Menschen. Wohin sie schauen, stehen dicke Betonpfosten. Stacheldraht ist dazwischen gespannt. An manchen Stellen ist er rostig und hängt herunter. Die Auszubildenden reparieren die Zäune. Aber nicht, um eine Grenze zu markieren, sondern um zu erinnern.

„Der Zaun ist das Symbol für diesen Ort. Die Leute kamen hier nicht raus. Sie waren ausgeliefert“, sagt die 21-jährige Talisa Harings, die bei VW in Wolfsburg arbeitet. Gemeinsam mit dem zwei Jahre jüngeren Igor Kasperski befestigt die angehende Kauffrau für Büromanagement den Stacheldraht an einem Betonpfosten.

Die beiden haben sich erst in Auschwitz kennengelernt, Kasperski arbeitet für VW in der polnischen Stadt Chocianów als Mechatroniker. „Auschwitz und Birkenau sind sehr wichtig für uns in Polen“, sagt er langsam, in gebrochenem Deutsch. „Das Projekt wird benötigt, damit junge Leute Geschichte lernen.“ Der 19-Jährige hält sein Smartphone in der Hand. Damit schlägt er Wörter nach, die ihm nicht einfallen. „Wir essen zusammen, sprechen zusammen und arbeiten zusammen. Das ist fantastisch, weil das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen sich verbessert.“

Auch die AfD ist ein Thema

Harings und Kasperski haben sich auf Anhieb gut verstanden. „Mit Händen und Füßen, auf Deutsch und Englisch“, sagt Harings. „Wir tauschen Musik aus, hören deutschen Rap und polnischen Rap. Aber wir vergessen dabei nie, wo wir sind.“

Deshalb geht es in den Gesprächen in der Gruppe viel um Geschichte, aber auch um aktuelle Entwicklungen. Rechtsradikale Ausschreitungen sind ein Thema, genau wie die stärker werdende AfD. „Wir müssen dagegensteuern, aufmerksam sein und tolerant“, sagt Harings. Was sich für sie ändert durch die Zeit in Auschwitz? „Ich werde noch öfter und noch lauter den Mund aufmachen. Niemals, niemals wieder darf so etwas wie hier passieren.“ Die Auszubildenden wollen sich für mehr Toleranz einsetzen, das Grauen über die Geschichte an andere Menschen weitergeben, um ein Zeichen gegen Ausgrenzungen zu setzen.

Sie hinterlassen aber auch in Auschwitz Spuren. Estelle Eichler und Sophie Heck haben eine besondere Entdeckung gemacht. Einer der Schuhe wurde mit einem Stück Zeitung gefüttert. Dieses kleine Detail kann Informationen über seinen Besitzer geben. Kam er aus Ungarn, Polen oder Griechenland? Gibt es noch Menschen auf der Welt, die sich an ihn erinnern? Vielleicht kann der Fund dem Träger des Schuhs eine Geschichte geben.

Von Rebecca Hürter

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