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Der Norden Warum diese AfD-Kreistagsabgeordnete zur Linken wechselt
Nachrichten Der Norden Warum diese AfD-Kreistagsabgeordnete zur Linken wechselt
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00:19 19.09.2018
Von der AfD zur Linken: Tanja Bojani an ihrem neuen Platz bei der Linken-Fraktion im Sitzungssaal des Kreistags Osnabrück. Quelle: Strebe
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Osnabrück

Die Geschichte ist ihr auf den Magen geschlagen. Schon die ganzen Tage über habe sie Bauchschmerzen, erzählt Tanja Bojani. Seit dem 2. September, seit dem Austritt aus der AfD. Der Druck. Die Öffentlichkeit. Die Unsicherheit. Angst ist auch dabei: Jemand versuche, ihren Mail-Account zu hacken, erzählt sie. Sie seufzt. Sie lacht. Sie seufzt noch einmal. „Kann nur besser werden.“

Vor 2015 war Tanja Bojani aus Rieste im Kreis Osnabrück, gelernte Kosmetikerin, heute 42 Jahre alt, eine politisch mäßig interessierte Frau. Von 2015 bis 2016 war sie einfaches Mitglied der AfD. Nach der Kommunalwahl 2016 wurde sie Kreistagsabgeordnete ihrer Partei. Dann trat sie aus und war vom 2. bis zum 10. September 2018 partei- und fraktionslos. Und seit dem 10. September ist sie eine politische Sensation: Tanja Bojani ist von ganz rechts nach ganz links gewandert. Die ehemalige AfD-Vertreterin gehört jetzt der Fraktion der Partei „Die Linke“ im Kreistag zu Osnabrück an. In dieser Konstellation ist das der erste Fall in Deutschland. Tanja Bojani ist plötzlich berühmt. Alle möglichen Zeitungen rufen bei ihr an.

Es begann vor drei Jahren. Tanja Bojani arbeitete bei den Sicherheitskräften im Flüchtlingsaufnahmelager Bramsche. Da habe sie Dinge mitbekommen, die sie nicht in Ordnung fand, sagt sie. Was genau? Dass da Leute aufgenommen worden seien, die gar keine Hilfe verdient hätten. „Sie wissen doch, der Bamf-Skandal.“ Damals ist sie in die AfD eingetreten. Sie lächelt, halb entschuldigend, die kleinen Diamanten in ihren Eckzähnen blitzen, und der Mann, der neben ihr sitzt, lächelt auch, aber säuerlich. Der Mann heißt Andreas Maurer und ist der Fraktionschef der Linken im Osnabrücker Kreistag.

Bundestagskandidatur schiefgegangen

In ihrer Austrittserklärung hat Tanja Bojani geschrieben, die AfD sei „frauenfeindlich“ und „durchweg chauvinistisch“. Frauen in der AfD seien entweder Frau Doktor oder Ehefrau eines Mitglieds, eine wie sie, nicht studiert, frei heraus, die nehme man nur zum Flyerverteilen. 2017 wollte Tanja Bojani für den Bundestag kandidieren. Die Partei vor Ort war uneins, ob sie das auch wollte, schließlich entschied der damalige Landesvorsitzende Armin-Paul Hampel gegen Tanja Bojani. Grabenkämpfe, Intrigen, Diffamierungen, das sei die AfD, sagt sie. Zuletzt bekam sie mit, dass Parteifreunde auf dem Rechtsaußen-Festival in Ostritz in Sachsen waren. Das war der Punkt, an dem sie nicht mehr mochte. „Einer hat von Negern gesprochen. Ich habe immer ausländische Freunde gehabt, auch Schwarze.“

Sie wirkt ein bisschen fahrig. Vielleicht liegt es an der Belastung der letzten Tage. Es ist aber auch etwas Unscharfes an ihren Berichte aus der AfD-Zeit, und ihre politischen Vorstellungen hören sich klischeehaft an. Sie findet, der Mindestlohn müsse erhöht werden. Mehr Wohnungsbau sei nötig. Warum geht sie nicht in eine Partei, die so was umsetzen kann? „Die tun ja nichts“, sagt sie über die Etablierten. „Die Linke tut was.“ Wo tut die Linke was? Schweigen.

An dieser und an anderen Stellen schaltet sich Andreas Maurer ein, der gern auch Fragen beantwortet, die gar nicht an ihn gerichtet sind. Er erzählt, „die Tanja“ habe auch als AfD-Frau schon Linken-Anträgen in Ausschüssen zugestimmt. Maurer ist Russlanddeutscher, er redet mit Akzent, aber druckreif, in mühelosem Politikerfloskeldeutsch.

Dass Maurer überhaupt noch im Kreistag sitzt, liegt daran, dass seine Verurteilung als Wahlfälscher bislang nicht rechtskräftig ist. Im Juni wurde er zu sieben Monaten und einer Woche auf Bewährung und zum Verlust seiner politischen Ämter verknackt, weil er (zusammen mit anderen) 2016 in diversen Fällen in Quakenbrück Briefwahlunterlagen von Migranten zugunsten der Linken manipuliert haben soll. Maurer spricht von einem „politisch motivierten Urteil“ und ist in die Revision gegangen.

Als Tanja Bojani an ihrer AfD-Mitgliedschaft zweifelte und jemandem zum Reden brauchte, war Maurer da. Er wird ein guter Gesprächspartner gewesen sein, er kennt sich mit dem Thema aus: 1988 ist er nach Deutschland gekommen und 1995 in die CDU eingetreten, um sie elf Jahre später wieder zu verlassen. Man hatte ihm keine attraktive Parteikarriere angeboten. Er wechselte zur Linken.

Fraktionszuschüsse steigen

Der Übertritt von Bojani hat im Landkreis Kopfschütteln ausgelöst. Nicht nur bei der AfD, wo man nölig darauf verweist, Bojani habe noch vor zehn Wochen beim AfD-Bundesparteitag begeistert Selfies mit Alexander Gauland gemacht. „Die haben keinen Standpunkt“, sagt auch jemand, der die politischen Geschehnisse im Kreis seit Jahren aus der Nähe betrachtet, über Maurer und Bojani, „die haben nur einen Drehpunkt.“ Dass die „taz“ Tanja Bojani zur potenziellen Symbolfigur des Widerstands gegen den Rechtspopulismus erklärt hat, löst in Osnabrück Heiterkeit aus.

Hat die Aufnahme von Bojani bei der Linken mehr mit Sitzungsgeld und Macht als mit Inhalten zu tun? Maurer behauptet, seine zuvor zweiköpfige Fraktion habe keinen finanziellen Vorteil dadurch. Das stimmt nicht. Bislang bekam die Linke laut Kreisverwaltung 16188,80 Euro an Fraktionskostenzuschüssen, künftig kann sie mit 18068,80 Euro rechnen. In Fachausschüssen hatte die Linke kein Stimmrecht, nun bekommt sie es. Die Sitzungsgelder – 1680 Euro im Jahr 2017 – werden sich erhöhen mit einem Mitglied mehr. Die der AfD – bisher vier Mandate und 4620 Euro – werden sinken.

Aber für Tanja Bojani könnte es tatsächlich um andere Dinge als Geld gehen. Ihre bisherige Biografie erzählt viel vom Suchen und wenig vom Finden. Kosmetik, Security – und außerdem ist sie Taxi gefahren, hat alte Menschen betreut, hat in einer Pizzeria gearbeitet, war Animateurin in einem Hotel in Ägypten. Nach einer Umschulung ist sie jetzt Busfahrerin. Sie färbt ihre Haare schwarz – und der Teil, der ihr den Rücken hinab fällt, ist derzeit tiefrot, kann aber auch mal lila sein. Jeder ihrer Fingernägel ist schwarzweiß lackiert, links schwarz, rechts weiß, die Grenze verläuft diagonal über die Nägel. Da hofft jemand auf Aufmerksamkeit. Bei der AfD gab’s keine mehr.

In der Kreistagssitzung an diesem Montag wird der Fraktionswechsel vollzogen. Zwar haben die Linke im Land und vor allem der Linken-Kreisverband Osnabrück deutlich distanziert auf die Überläuferin reagiert, aber Andreas Maurer schert sich nicht darum. Tanja Bojani will erst mal nicht in die Partei eintreten, nur in der Fraktion mitarbeiten. Partei dann vielleicht später. „Rechts, links, das sind doch Schubladen“, sagt sie. „Wir sind alle Menschen.“

Von Bert Strebe

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