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Der Norden Wie lebt man mit dem Selbstmord eines Angehörigen?
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00:18 31.10.2018
Carolin K. aus Westerstede hat ihren Mann verloren und kümmert sich heute um Hinterbliebene nach einer Selbsttötung. Quelle: Strebe
Westerstede

In der letzten Strophe des Songs heißt es: Wenn ich neu anfangen könnte, würde ich mich um mich selbst kümmern. Ich würde einen Weg finden.

Carolin K.s Augen sind braun. Es ist ein dunkles Braun. Aber Carolin  K.s Augen sind auch hell. Ihr Blick ist offen, klar. Sie holt Luft. „Ich bin …“ – es folgt ein winziges Zögern – „… ein positiver Mensch.“ Pause. „Sagen auch andere“, sagt sie. Sie sagt es, als müsse sie Zeugen anführen dafür, dass sie ein positiver Mensch ist. Und in diesem Zögern, in der Pause und in dem Nachsatz stecken drei Jahre Schmerz und Trauer und Verzweiflung und Angst. Und ein Gefühl, als ob die Seele stumpf geworden wäre. Aber auch das Nichtaufgebenwollen steckt mit drin. Und Trotz. Und Wut. Und Kraft.

Vor drei Jahren hat Carolin K. die Strophe mit der Ich-würde-einen-Weg-finden-Zeile in die Traueranzeige für ihren Mann hineingeschrieben. Der Song stammt von den Nine Inch Nails und heißt „Hurt“, gesungen hat ihn Johnny Cash. Die erste Strophe beginnt mit dem Satz: Ich habe mich heute selbst verletzt. Das hat Carolin K.s Mann auch gemacht. Er hat sich erhängt. Er hat dafür gesorgt, dass er nicht neu anfangen konnte.

Depression verborgen

Jessy ist eine freundliche Berner Sennenhündin, aber erst mal muss sie, als der Besuch eintrifft, ein bisschen bellen. Sie will bloß sagen: Sie passt auf ihr Frauchen auf, niemand darf Carolin K. was tun, es hat so schon gereicht. Sie legt sich zu Füßen von Carolin K. Das Wohnzimmer in dem Haus in Westerstede im Ammerland ist freundlich eingerichtet, viel Weiß und Naturholz, es fehlt nichts außer ein bisschen Patina. Carolin K. und ihre Töchter, Zwillinge, 19, wohnen hier noch nicht so lange.

Der Vater dieser Töchter war ein lustiger Mann. Er hat immer alle zum Lachen gebracht. „Aber wie es in ihm aussah, durfte keiner wissen“, sagt seine Frau. Beide kamen aus dem Ruhrgebiet, beide aus der Gastronomie. Er hatte lange in verantwortlicher Position für eine Restaurantkette gearbeitet, war über Jahre meist die ganze Woche weg. Da konnte er seine Depression gut verbergen.

Dann platzte das Arbeitsverhältnis, aber es ergab sich die Chance, dass Carolin K. und ihr Mann mit dem Geld eines Investors in ihrem damaligen Wohnort ein Restaurant eröffnen konnten, es ist ein kleiner Ort, 14 Kilometer von Westerstede entfernt. Was wie ein Traum begann, geriet zum Albtraum: Die Menschen im Ort nölten am Essen herum, beschwerten sich über jede Kleinigkeit, es war, als würden sie den K.s nicht erlauben wollen, als Zugezogene im Ammerland Erfolg zu haben. Der Stress wurde immer mehr, und dann bekam Carolin K.s Mann die Diagnose Multiple Sklerose.

Man kann diese neurologische Erkrankung nicht kontrollieren. Und Carolin K.s Mann konnte bald auch seine Depression nicht mehr kontrollieren. Jetzt erzählte er zwar mitunter, wenn es ihm nicht gut ging. Aber Psychotherapie? Klinik? „Er hat gesagt: Was soll ich denn da?“, sagt Carolin K. Er hat gute Klassenarbeiten seiner Töchter gelobt, hat „toll“ gesagt oder „freut mich“. Aber man hat nur die Wörter gehört und keine Freude gespürt. Er selbst wird nichts mehr gespürt haben.

Am 3. Juni 2015 hat Carolin K. ihren Mann morgens um 7 Uhr zum Restaurant gebracht, er hat dort das Frühstück für die Gäste vorbereitet, ist dann in den Keller gegangen und hat sich aufgeknüpft. Eine Freundin fuhr zu Carolin K., um es ihr zu sagen. „Oh, schön, habe ich gedacht, als ich sie durchs Fenster kommen sah“, erzählt sie. „Können wir zusammen Kaffee trinken.“

Anderthalb Jahre krank

Sie spürte gleichzeitig nichts und alles. Chaos. Die ganze Welt kaputt. Zeitgleich fühlte sie sich „wie ein Maschine“. Sie konnte es ihren Töchtern nicht sagen, die Freundin musste das tun, die Mädchen sahen die Mutter an, als habe man ihnen erzählt, der Mond sei vom Himmel gestürzt. Und in gewisser Weise war er das ja auch.

Die Kinder reagierten unterschiedlich, obwohl sie Zwillinge sind. Die Muttertochter zog Grenzen, sagte, der Vater sei ja schon ein Jahr lang abwesend und gar nicht mehr ihr Papa gewesen. Am Tag nach der Trauerfeier ritt sie bei einem Turnier mit. Und gewann. Und das war gut. Die Papatochter musste in Therapie, was aber nichts nützte. Sie spielt Gitarre, die hat sie vom Vater. Beide hätten sich inzwischen gut gefangen, sagt die Mutter.

Carolin K. steht auf, um Kaffee zu holen. Jessy hebt den Kopf. Carolin K. kommt zurück. Jessy entspannt sich.

Carolin K. war anderthalb Jahre krankgeschrieben. Sie traute sich kaum aus dem Haus, sie schämte sich, jeder schaute sie an. Die Eltern ihres Mannes fragten nicht nach ihren eigenen Anteilen an der Depression, sondern machten nur die Schwiegertochter verantwortlich, „Hexe“ sei noch ein schönes Wort gewesen, erzählt Carolin K. Der Kontakt ist abgebrochen.

Sie besuchte eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen, die sich getötet haben. Aber das half ihr nicht, ständig kamen neue Leute, neue Katastrophen, und manchmal schien das ihr eigenes Schicksal zu relativieren. Doch der Tod ihres Mannes war nicht zu relativieren. „Trost gibt es nicht“, sagt sie. Sie zieht die Ärmel ihrer Strickjacke bis zu den Fingerknöcheln.

Freundinnen halfen ihr, sie waren einfach da, kümmerten sich um Dinge wie den Witwenrentenantrag. Sie ging zu einer Psychotherapeutin, das half auch, sie lernte dort, dass der Mann, der sich das Leben genommen hatte, nicht der Mann gewesen war, den sie früher an ihrer Seite gehabt hatte. Sie lernte, Wünsche zu verwirklichen, auch wenn er nicht mehr dabei war: Sie ist mit ihren Töchtern in die USA gefahren.

Sie hat sich Millionen Mal gefragt, ob sie an irgendwas die Schuld trägt. Über das Internet lernte sie Mario Dieringer kennen, der sich nach dem Suizid seines Lebensgefährten im März von Frankfurt aus aufgemacht hat, überall in der Welt Bäume für Menschen zu pflanzen, die sich selbst getötet haben; er hat dafür den Verein Trees of Memory gegründet, der auch Angehörigen beistehen will. Dieringer hat ihr gesagt, dass es in solchen Fällen so etwas wie Schuld nicht gibt. Es gibt Verantwortung. Und der Einzige, der die Verantwortung für das Leben von Carolin K.s Mann trug, war er selbst. Dieringer hat ihr auch die Frage beantwortet, wieso ihr Mann nicht mal an seine Kinder gedacht hat: Er hat vermutlich gar nicht gedacht. Menschen, die sich für den Tod entscheiden, wollen oft nicht sterben, sondern nur die Leere in sich loswerden. Sie wollen, dass das aufhört, egal wie.

Der Schmerz bleibt

Manchmal sagt sich Carolin K. heute: Guck mal, was du alles geschafft hast. Sie sagt es sich selbst, weil ja sonst keiner da ist, der es sagt. Sie hat wirklich viel geschafft. Sie ist weggezogen, sie ist mit ihren Kindern nicht der Sozialhilfe anheimgefallen, sie kann lachen. Sie hat sich entschlossen, über den Verein Trees of Memory anderen Angehörigen von Suizidanten zur Seite zu stehen. Der Schmerz ist nicht weg, er kommt überfallartig, und nicht bloß zu Geburtstagen und an Weihnachten. Aber er kann sie nicht mehr lähmen.

Carolin K. hat neu angefangen. Sie kümmert sich um sich selbst. Sie hat einen Weg gefunden.

Da sein für Angehörige: Trees of Memory

Viele Kommunen, Kirchengemeinden und Selbsthilfegruppen kümmern sich um Suizidprävention und machen oft auch Angebote zur Trauerbegleitung. Bei dem Verein Trees of Memory geht es eher um Einzelgespräche sowie um konkrete Hilfestellung für Hinterbliebene im Alltag. Dabei sollen regionale Paten helfen.

Bislang existieren fünf solcher Anlaufstellen,der Verein ist noch im Aufbau. Die derzeit einzige Ansprechpartnerin in Niedersachsen ist Carolin K. aus Westerstede. Sie würde sich im Umkreis von 50 Kilometern um Angehörige kümmern. Weitere Mitstreiter in anderen Regionen werden derzeit gesucht.

Von Bert Strebe

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