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Der Norden Einzelhaft und Kastration: Als Homosexualität noch strafbar war
Nachrichten Der Norden Einzelhaft und Kastration: Als Homosexualität noch strafbar war
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00:21 23.01.2019
In der JVA Wolfenbüttel befindet sich auch die Gedenkstätte Wolfenbüttel. Quelle: Insa Catherine Hagemann
Wolfenbüttel

Sie alle haben es nur „gut gemeint“ und dem homosexuellen Häftling „helfen“ wollen: der Anstaltsgeistliche, der Anstaltspsychologe, die Familie des zu vier Jahren Haft wegen „wiederholter Unzucht“ verurteilten Pflegers. Sie alle rieten ihm zu, sich freiwillig entmannen zu lassen. Und so geschah es. „Die Kastration wurde im April 1962 durchgeführt. Das Ziel des Eingriffs, bei dem die Hoden komplett entfernt wurden, war es, den Sexualtrieb auszulöschen“, schreibt die Politologin Maria Bormuth.

In einer Studie, die diese Woche vorgestellt wurde, hat die Wissenschaftlerin untersucht, wie Männer, die wegen homosexueller Handlungen ins Gefängnis mussten, bis in die späten Sechzigerjahre in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel verwahrt und behandelt wurden. Als besonders schlimme Fälle.

Nach dem Krieg ging die Verfolgung weiter

Der Fall des kastrierten Krankenpflegers ist wohl das spektakulärste Zeugnis des Umgangs mit Homosexuellen, der sich von der NS-Zeit bis spät in die Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erstreckte. Bormuth ist Fällen von Männern nachgegangen, die wegen des Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch verurteilt worden waren – einem Paragrafen, der bereits bei der Gründung des Deutschen Reiches 1871 existierte, der aber von den Nationalsozialisten noch einmal verschärft wurde. Allein zwischen 1932 und 1945 landeten in dem Wolfenbütteler Gefängnis 670 Männer wegen verschiedener Vergehen im Zusammenhang mit dem Paragrafen.

Doch nach dem Ende der NS-Herrschaft endete die Verfolgung keineswegs, wie die Autorin in ihrer Studie feststellt. Zwischen 1952 und 1969 seien nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Niedersachsen noch 2163 Männer wegen Vergehen nach dem Paragrafen 175 verurteilt worden, berichtet Martina Staats, Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel.

Es gibt nur wenig Dokumente und Zeitzeugen

Doch trotz dieser vergleichsweise hohen Zahl an Opfern einer Strafjustiz, die einvernehmliche Sexualität unter Männern als Verbrechen betrachtete, gibt es nur noch sehr wenige Dokumente dieser Zeit. So hatte Autorin Bormuth Mühe, Zeitzeugen zu finden. Ein Großteil der Betroffenen ist bereits tot. Etliche andere zogen es vor, zu schweigen. Denn die Verfolgung Homosexueller hat zweifellos Spuren in den Familien der Verurteilten hinterlassen. Schon der Verdacht, homosexuell zu sein, konnte in der Nachkriegszeit bürgerliche Existenzen zerstören.

„Es verlangt von den Angehörigen eine ungeheure Anstrengung, sich zu melden. Eine tiefe Scham steckt noch in vielen“, sagt Hans Hegelein, der im niedersächsischen Sozialministerium das Forschungsprojekt betreut hat. So bekam die Gedenkstättenstiftung auf ihre mehrfachen öffentlichen Aufrufe an mögliche Betroffene oder ihre Angehörigen, sich zu melden, kaum Resonanz. Auch gibt es kaum noch Akten über „die 175er“, wie die schwulen Häftlinge genannt wurden. Denn fast alle Akten sind zu Makulatur gemacht worden. Nur über die „schweren“, komplizierten Fälle oder diejenigen Häftlinge, die sich oft beschwerten, gab es noch Aufzeichnungen. „Nur die dicksten Akten sind erhalten geblieben“, sagt Autorin Bormuth.

Kastration sollte „helfen“

Wie etwa jene über den 1959 verurteilten Krankenpfleger, der sich 1962 entmannen ließ. Er hatte zuvor als Jugendbetreuer in einer Anstalt gearbeitet, in der nach Aktenlage „epileptische und schwachsinnige“ junge Männer untergebracht waren. Wegen „mehrfacher Unzucht“ mit Männern zwischen zwölf und 17 Jahren, wie Bormuth schreibt, ist er zu vier Jahren Haft sowie drei Jahren Ehrverlust verurteilt worden.

Betroffene werden entschädigt – seit dem Jahr 2017

Der Paragraf 175 im Strafgesetzbuch stellte männliche Homosexualität und homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Er existierte vom Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches am 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994.

Im Jahr 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragrafen, unter anderem durch Anhebung der Höchststrafe von sechs Monaten auf fünf Jahre Gefängnis. In dieser Form existierte er in der Bundesrepublik bis 1969 unverändert fort, in der DDR in veränderter Form.

Auf seiner Grundlage wurden nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in der Bundesrepublik bis 1969 rund 50.000 Männer verurteilt. Dann wurde der Paragraf entschärft und schließlich 1994 komplett abgeschafft. In der DDR, wo es weit weniger Verurteilungen gab, war das bereits 1968 der Fall.

Die Rehabilitierung von Verurteilten war lange Zeit umstritten, weil damit erstmals Rechtssprechungen aus der Nachkriegszeit pauschal kassiert würden.

Erst am 22. Juni 2017 beschloss der Bundestag, dass die ergangenen Urteile aufzuheben und die Betroffenen zu entschädigen sind. Der Bundesrat verabschiedete das Gesetz wenige Tage später, in Kraft trat es zum 17. Juli 2017.

Die Bundesregierung ging zum Zeitpunkt des Gesetzesbeschlusses davon aus, dass maximal 5000 Homosexuelle von der Neuregelung profitieren. Sie erhalten eine Entschädigung in Höhe von 3000 Euro, wenn das Urteil aufgehoben wird. Haftstrafen werden mit 1500 Euro pro Jahr entschädigt.

Der Anstaltsgeistliche und auch der Gefängnispsychologe beschreiben den Häftling als „überdurchschnittlich intelligent“, zudem als einen sehr gläubigen Menschen, der unter seinen Vergehen litt. Die Betreuer im Gefängnis haben ihn therapieren wollen. Allerdings ging die Hilfsbereitschaft nicht so weit, dass der Häftling während der Gefängniszeit eine Psychotherapie zugestanden bekam. Die Tatsache, dass der Verurteilte auch im Gefängnis homosexuelle Kontakte suchte und fand, sprach in den Augen der Aufseher dagegen. Aber der ganz radikale Schnitt, die Kastration, sollte „helfen“. Der drastische Eingriff wurde später sogar als „erfolgreich“ gerühmt, obwohl der Patient danach teils in manische, teils in depressive Phasen versank.

In Einzelzellen isoliert

Die Autorin hat 20 Gefangenenakten ausgewertet, sie hat sowohl mit einem ehemaligen Justizbeamten aus Wolfenbüttel als auch mit einem ehemaligen Polizisten gesprochen, der gegen „die 175er“ im Braunschweiger Homosexuellen-Milieu ermittelte. Sie bestätigten, dass die sexuelle Andersartigkeit als Krankheit betrachtet wurde, von der man meinte, man müsse sie entweder therapieren oder bekämpfen.

In der JVA Wolfenbüttel (wie auch in anderen Gefängnissen Deutschlands) bedeutete das, dass die Schwulen von den anderen Gefangenen isoliert wurden. Selbst bei Überfüllung sei darauf zu achten, dass Homosexuelle in Einzelzellen untergebracht werden müssten, hieß eine entsprechende Weisung des Justizministeriums in Hannover – Ansteckungsgefahr, so glaubte man. Dabei war damals die Doppelbelegung von Zellen die Regel. „Einzelhaft 175“ steht auf mancher Akte – mit mehreren Ausrufezeichen.

Sozialministerium gibt 70.000 Euro für die Studie

Mit etwa 70.000 Euro hat das Sozialministerium die Studie gefördert, die diese Woche auf der Baustelle der gerade im Umbau befindlichen Gedenkstätte in Wolfenbüttel vorgestellt wurde. Dafür war auch Sozialministerin Carola Reimann ins Gefängnis gefahren. „Aus dem Gedächtnis vieler ist gerückt, dass die Würde von Homosexuellen bis ins Jahr 1969 antastbar und das Ausüben ihrer Sexualität strafbar war“, sagt Reimann. Das dürfe so nicht wieder passieren. Die Studie zeige Brüche und Kontinuitäten nach 1945 auf, sagt Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Auch deshalb werde dieses Kapitel der Justiz in Wolfenbüttel aufgearbeitet und ab Herbst im Dokumentensaal der Gedenkstätte gezeigt.

Maria Bormuths Studie „Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt, wird mit Gefängnis bestraft“ ist für 7 Euro bei der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten erhältlich (ISBN-978-3-946991-069)

Von Michael B. Berger

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