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Der Norden So lebt Sigmar Gabriel als einfacher Abgeordneter
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Auch nach vielen Jahren mit Chauffeur hat er das Autofahren nicht verlernt: Sigmar Gabriel. Quelle: Michael B.Berger
Hannover

Er kann es immer noch. Obwohl er jahrzehntelang entwöhnt wurde, einen Chauffeur hatte, der ihn durch die Gegend fuhr. Auto fahren. Er hat jetzt keine Macht mehr, keine Bodyguards, keinen Stab, der für ihn plant, keine Begleiter, die ihn aufwerten. Er ist jetzt auf sich selbst gestellt. Sigmar Gabriel sitzt wieder persönlich am Lenkrad. „Obwohl meine Frau flachst, ich sei ein Sicherheitsrisiko.“ Der 59-Jährige lacht. Und beschleunigt sachte.

Aber nur bis Tempo 120. Wir sind auf der A 7 unterwegs, von Hannover Richtung Emden. Dort wird der Bundesaußenminister a. D. und ehemalige SPD-Parteivorsitzende zu einem Diskussionsabend erwartet. Die Autobahn ist voll, Baustelle reiht sich an Baustelle. Gabriel, der sich früher oft bei offiziellen Veranstaltungen verspätete, ist sehr früh in Goslar aufgebrochen, um nicht zu spät in Emden zu sein. Er hat seine Geschicke jetzt wirklich selbst in der Hand.

Oliver Junk (CDU, l), Bürgermeister der Stadt Goslar, verleiht Sigmar Gabriel (SPD), ehemaliger Bundesaußenminister, das Ehrenbürgerrecht der Stadt Goslar. Quelle: Swen Pförtner/dpa

Keine Angst vor Blitzern

Normalerweise nutze er den Zug zu solchen Auftritten, sagt der frühere Vizekanzler. Doch für diesen Termin im hohen Norden hat er sich einen Mietwagen genommen. „Ah, heute ist das extrem entspannt“, sagt Gabriel, als wir den ewigen Staupunkt Großburgwedel passieren.

Den Fahrer, den er als niedersächsischer Ministerpräsident bekam, habe er wirklich gebraucht, sagt Gabriel – und lacht. Denn wegen wiederholter Geschwindigkeitsüberschreitungen habe er vor Jahrzehnten den Führerschein abgeben müssen. 100 000 Kilometer im Jahr habe er damals als innenpolitischer Sprecher der Fraktion geschrubbt, mit etlichen Radarfallen am Wegesrand. Gabriel ist hineingebraust, sein Punktekonto in Flensburg quoll über. „Ich musste sogar zur Nachprüfung.“ Bis die Erlösung kam, ein Chauffeur. „Heute habe ich gar keinen Punkt mehr in Flensburg“, sagt der Selbstfahrer und strahlt – auch Folge einer ruhigen und entspannten Fahrweise.

Anruf von Martin Schulz

Seit gut sieben Monaten ist Sigmar Gabriel nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter seiner Heimatstadt Goslar, die ihn am Freitag mit einem Festakt zum Ehrenbürger ernannt hat. Für ihn, der auch Großer Offizier der französischen Ehrenlegion ist („warum, das weiß ich auch nicht – vermutlich, weil ich Jacques Chirac mal ganz gut unterhalten habe, als Gerhard Schröder zu spät zur Expo kam“), ist das eine große Ehre.

Seine vor einigen Jahren gestorbene Mutter hätte gelacht, wenn sie erfahren hätte, dass ausgerechnet er Ehrenbürger wird. Er, der Raubauz und Mittelschüler, der frühere Falke, der erst als Gymnasiast in die SPD eintrat, deren Vorsitzender er immerhin acht Jahre lang war.

Und doch hat Gabriel, der doch sehr an seinen Ämtern hing, es „wie eine Befreiung“ empfunden, als er das Amt 2017 an Martin Schulz abgab. Von da an hat er nicht mehr jedes Wochenende auf Achse sein müssen. „Dieser Druck, diese Riesenanspannung war weg.“ Dann kam das Amt des Außenministers – ein Amt, für das er schon auf seinen früheren Posten als Ministerpräsident, Bundesumweltminister, Bundeswirtschaftsminister geübt hatte, sodass er nicht mehr als Novize anfangen musste.

Es wurde sein Amt schlechthin. „Noch 36 Kilometer bis Bremen.“ Ein Amt, das er nur unter großem Groll abgegeben hat. Damals, Anfang 2018, lang, lang her. „Ich kann heute wirklich sagen, ich blicke nicht zurück im Zorn“, sagt Gabriel.

Dabei hat er doch seine Tochter über den damaligen SPD-Vorsitzenden Martin Schulz sagen lassen, jetzt brauche er den „Mann mit den Haaren im Gesicht“ nicht mehr so oft sehen. „Wir haben uns längst ausgesprochen“, sagt Gabriel – und so, als wäre es bestellt, wird auf Gabriels Autobildschirm der Anrufer „Martin Schulz“ angezeigt. Erst beim zweiten Anruf nimmt Gabriel das Gespräch an, die beiden ehemaligen SPD-Vorsitzenden reden wieder miteinander, allerdings etwas verschlüsselt. „Ich habe hier einen Journalisten im Auto.“ Aha.

Tee um 8 Uhr

Gabriel ist nicht nur im Gespräch mit Schulz heiter und gelassen. Er nimmt selbst all die Baustellen gelassen hin, die die Anfahrt auf Emden verzögern. Als er bei Bremen auf die Autobahn nach Oldenburg abbiegen will, stehen auch hier die Autos im Stau. Kurzentschlossener Spurwechsel, ab auf die Bremer Stadtautobahn.

„Wie oft habe ich hier im Stau gestanden“, sagt der Niedersachse und erzählt, wie ihn einst der SPD-Landtagsvorsitzende Wolf Weber um 8 Uhr morgens in sein Haus im Ammerland bestellt habe – für ein klärendes Gespräch über die Arten und Unarten eines noch sehr jungen Landtagsabgeordneten. Stunden vorher habe er dafür in Goslar aufbrechen müssen. „8 Uhr auf eine Tasse Tee – das war die Lektion.“

Nun also mitten durch die Bremer Innenstadt. Das Navi will das „Zwischenziel: Delmenhorst“ nicht akzeptieren. Gabriel lässt nicht nach. Jetzt geht es. Für sein Insistieren und die raschen Spurwechsel war Gabriel auch in der SPD berüchtigt. Dabei plagte ihn nicht selten die Sorge, dass sich „seine“ SPD von den Sorgen der Bürger entfernt.

Den Volksversteher gibt er nicht nur, er ist auch einer. Es dürfe erst gar nicht so weit kommen, dass zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ unterschieden werde. So hat er es auch in einem flüssig geschriebenen Buch beschrieben, das er diese Woche in Berlin vorgestellt hat – und das auch Antworten auf die Frage versucht, warum die AfD so groß geworden ist. „Die Menschen wollen, dass die Politik das Gefühl vermittelt, Herr der Lage zu sein“, sagt Gabriel. Das habe sie aber in der Flüchtlingspolitik nicht vermittelt. Seine SPD habe sich von den Leuten entfernt, ihr fehle es an kantigen Typen, sie mache sich kleiner, als sie sei. Ach, Gabriel leidet am Schrumpfen seiner Partei – und redet selbst im Auto dagegen an.

Keine Wiederkehr geplant

Er wird Bundestagsabgeordneter bleiben, Anfang Oktober an die US-Eliteuniversität Harvard reisen, wo er mit Unterbrechungen vier Wochen lang über europäische und internationale Politik lehren wird. In Oxford war er schon („wie bei Harry Potter“).

Sein Buch hat er im Urlaub in Schweden geschrieben, nachts, wenn die beiden Töchter und Ehefrau Anke im Campingbus schliefen: „Ich muss meine Gedanken einfach zusammenfassen.“ Gabriel braucht kein Manuskript, wenn er zwischen dem nächsten Stau in Bremen und der freien Fahrt durch Oldenburg über die internationalen Krisen, seine Begegnung mit US-Präsident Donald Trump oder kantige Typen aus seiner Landtagszeit berichtet. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Ob er noch einmal zurückkommt in die große Politik? Nein, das sei vorbei. Man habe ihn nicht mehr gewollt. Er sei jetzt Ehrenbürger Goslars. Ein Traum.

„Ob Sie es glauben oder nicht – als die schönste Zeit habe ich die Jahre als junger Abgeordneter erlebt, als man noch direkt sehen konnte, was man bewirkt.“ Und „Oh, wie schön“, ruft er, als sein Mietwagen die Weser bei Bremen überquert.

Von Michael B. Berger

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