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Der Norden Was wusste die Klinik über die Morde des Todespflegers?
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19:02 22.01.2019
Niels Högel am Dienstag im Gerichtssaal – neben seiner Anwältin. . Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Oldenburg

Gab es im Klinikum Oldenburg eine Mentalität des Wegschauens? Wer im Mordprozess gegen Ex-Pfleger Niels Högel am Dienstag die Zeugenaussage eines ehemaligen Kollegen Högels hört, der kommt ins Grübeln. So berichtet ein 55-jähriger Zeuge vor dem Landgericht Oldenburg von einem anderen Pfleger, der Patienten misshandelt habe und mit einem guten Zeugnis weggelobt worden sei. Dasselbe sei auch bei Niels Högel gemacht worden. „Das war kein Einzelfall. Das hatte Struktur“, sagt der Ex-Mitarbeiter, der von 1993 bis 2014 im Klinikum Oldenburg als Pfleger beschäftigt war und sich zwischen 1999 und 2001 mit Högel in der Herzchirurgie um die Patienten kümmerte.

Aus Sicht des Zeugen ist der Klinik ihr Ruf wichtiger als die Aufklärung der eigenen Fehler. Vom Klinikum Oldenburg selbst war auf Nachfrage zunächst keine Stellungnahme zu den Vorwürfen des früheren Mitarbeiters zu erhalten. Verantwortliche des Hauses werden im Laufe der Verhandlung vor dem Landgericht noch als Zeugen gehört.

Der bereits zu lebenslanger Haft verurteilte Högel steht seit Oktober vergangenen Jahres erneut vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft legt ihm 100 Morde in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst zur Last. Er soll seinen Opfern nicht angeordnete Medikamente gespritzt haben, um sie zu reanimieren. In vielen Fällen endete das tödlich. Högel arbeitete bis 2002 in Oldenburg, danach bis zu seiner Festnahme 2005 in Delmenhorst.

Vorwürfe vom Anwalt

Der am Dienstag als Zeuge vernommene 55-jährige Pfleger sagte auch aus, die Klinik habe ihm einen Anwalt zur Seite stellen wollen, der seine Aussagen habe kontrollieren wollen. Dies habe er abgelehnt. Der Anwalt habe ihn angerufen, nachdem im niedersächsischen Landtag in einer Debatte eine seiner Aussagen vorgelesen worden sei. Der Jurist habe wissen wollen, warum er die Erklärung nicht vorher mit ihm abgestimmt habe.

In der Zeit zusammen mit Högel in der Herzchirurgie habe es zunächst nur vage Auffälligkeiten wegen häufiger Reanimationen gegeben. Im November 2001 hätten ihm Kollegen von einem „Horrorwochenende“ mit einer zweistelligen Zahl an Reanimationen und vier Toten berichtet. „Das war spätestens der Zeitpunkt, als die Stimmung kippte“, sagte der Mann. Ab da sei vielen Kollegen klar gewesen, dass Patienten durch Högel geschädigt worden seien. Der Verdacht sei auch Vorgesetzten gemeldet worden.

Högel sei in die Anästhesie versetzt worden, danach habe bei Kollegen „Fassungslosigkeit“ geherrscht, erinnerte er sich. Als Jahre später die Todesfälle aus Delmenhorst bekannt geworden seien, sei es vielen Kollegen „denkbar schlecht gegangen“. „Es war klar, dass Delmenhorst nur die Spitze des Eisbergs ist“, sagte der ehemalige Pfleger. Er sei damals von Kollegen gefragt worden, ob er Anzeige gegen Högel erstatten könne. Dazu sei er aber wegen einer schweren Depression nicht in der Lage gewesen. Keiner seiner Kollegen sei zur Polizei gegangen, wohl aus Angst vor beruflichen Konsequenzen. Als er schließlich 2014 doch ausgesagt habe, hätten die Kollegen von damals seine Angaben bestritten. „Das macht mich betroffen“, sagte der Mann.

Oberarzt mit Erinnerungslücken

Der Leiter der Sonderkommission, die sich um die Aufklärung der Taten kümmerte, hatte am letzten Verhandlungstag ausgesagt, Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg seien angehalten worden, nur mit einem Anwalt Aussagen zu machen.

Ein Oberarzt erschien am Dienstag mit einem Klinik-Anwalt als Zeuge. Er bestritt, von der Klinikleitung Vorgaben bekommen zu haben. „Mir hat niemand einen Maulkorb verpasst“, sagte der Mediziner. Allerdings konnte er sich auch auf zahlreiche Nachfragen des Gerichts an fast nichts erinnern.

Von Hans-Christian Wöste/dpa

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