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Der Norden Ein Volksmusiker spielt jetzt Kirchenorgel
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21:42 29.08.2018
Peter Schünemann, der „Junge von der Weser“. Quelle: Bert Strebe
Uslar

Der Satz steckt tief in ihm drin. Unzählige Male sagt die Mutter zu dem Jungen: „Du musst sehen, dass du immer ein Stück weiterkommst.“ Sie sagt es auch, als er, damals acht, seine erste Gitarre in Händen hält. Es ist 1960, zwei halbwüchsige Sinti schlendern mit der Gitarre die Straße in Holzminden herunter, in der die Familie wohnt. Die Mutter holt die jungen Männer in die Küche, lässt sie was vorspielen, dann bietet sie 20 Mark für das Instrument. Eigentlich sollte die Schwester damit Musik machen, aber das wird nichts. Die Mutter fragt den Peter. So kommt Peter Schünemann an seine erste Gitarre. Er kann da bereits etwas Akkordeon spielen, das hat ihm zwei Jahre zuvor der Vater beigebracht, ein Maschinist, der in seiner Freizeit auf den Weserdampfern aufspielt.

Er hat noch andere Instrumente gelernt, Keyboard vor allem. Er hat 300 Lieder geschrieben und 15 CDs produziert. Unzählige Male ist er aufgetreten, bei Kneipenkonzerten, Hochzeiten, Volksmusikabenden, in Radio und Fernsehen. Von Hann. Münden bis Hoya kennt ihn jeder, der weiß, wie das ist, wenn man sich im Festzelt oder auf einem Ausflugsschiff unterhakt und losschunkelt.

Peter Schünemann ist Schlagersänger geworden. Beiname: „Der Junge von der Weser“. Er trägt ihn noch immer, auch wenn er inzwischen 66 ist. Er lehnt sich auf seinem Sofa im heimischen Wohnzimmer in Uslar-Bollensen zurück und sagt: „Es gehört eben auch Glück dazu.“ Doch er sagt diesen Satz nicht wie jemand, der Glück hat und sich darüber freut. Er sagt ihn mit einem eingetrübten Unterton. Wie jemand, der denkt, ein bisschen mehr Glück hätte es durchaus sein dürfen.

Tränen im Seniorenheim

Peter Schünemanns Karriere ist keine Bilderbuchgeschichte, sondern eine, die von Umwegen und Mühen und knappen Kassen erzählt. Was er sein Leben lang wollte, war: Musik machen, und zwar vor Publikum. Und Platten aufnehmen, fürs Publikum. Und, aber das sagt er nicht: geliebt werden vom Publikum. Stattdessen erzählt er, dass er neulich vor hundert Leuten in einer Seniorenresidenz aufgetreten ist, und da gab es einen Mann, der immer die alten Kassetten mit Schünemanns Liedern gehört hat. Zu dem ist er ins Zimmer gegangen und hat nur für ihn gespielt, und der Mann hat geweint vor Freude.

1968 gewinnt Peter Schünemann einen Sängernachwuchswettbewerb in einer Kneipe in Hannover. 1971 belegt er den zweiten Platz bei einem WDR-Schlagerwettbewerb in Köln. Da ist er längst Chef der Peter-Schünemann-Combo, und das ist nicht etwa seine erste, sondern seine dritte Band. Er covert Beat-Stücke von anderen Gruppen. Aber in seinen Träumen sieht er sich ins Studio gehen und Schallplatten aufnehmen, der Manager organisiert alles, auch die Auftritte, das Publikum strömt, die Plattenfirma zahlt.

In der Realität gibt es keinen Manager. Schünemann muss tingeln. Muss bis zum frühen Morgen in verrauchten Kneipen spielen, selbst Auftritte beschaffen, selbst Verstärker schleppen. Und anderweitig arbeiten muss er auch noch: Wenn schon ein Job, dann Polizist, hatte er sich gedacht, wegen der schmucken weißen Mützen. Geworden ist er Rechtsanwaltsgehilfe und später Substitut bei Karstadt, noch später Verkäufer in einem Göttinger Musikfachgeschäft. Immerhin: Musikfachgeschäft. Das, in dem Dieter Bohlen eingekauft hat.

Einmal hat eine Plattenfirma Schünemann eine Stelle als Studiomusiker angeboten. Er hätte dafür nach Berlin ziehen müssen. Da war er aber schon verheiratet, mit seiner Frau Marianne, die neben ihm auf dem Sofa sitzt und zwischendurch Kaffee und Kuchen bringt und ab und zu lacht, und wenn sie lacht, dann lacht er auch. Er wollte schon damals nicht weg von ihr, also ist er nicht nach Berlin gegangen.

Schließlich macht er sich mit einer Art Gemischtwarenladen selbstständig: kleine Musikschule in seinem Haus in Bollensen, kleiner Musikverlag für seine eigenen Werke obendrauf, und dann noch Karateunterricht. Bei der kräftezehrenden Tingelei war er mal zusammengebrochen, der Arzt hatte gesagt, er brauche einen Ausgleich, er müsse Sport treiben, so kam er zum Karate. Wenn man ihn danach fragt, kann er fast nicht aufhören zu erzählen. Im Karate findet er seine Ruhe, seine Mitte. Er hat drei schwarze Gürtel.

Aber den Ehrgeiz und das ganze Bemühen, es der Mutter recht zu machen und immer ein Stück weiterzukommen, das steckt er in die Musik. Hazy Osterwald, Max Greger – das ist die Preisklasse, die für ihn als junger Erwachsener zählt, da will er hin, in diesen Orchestern will er mitspielen. Immer wieder bewirbt er sich. Aber sie nehmen ihn nicht.

Dann lernt er Bernd Dietrich kennen, Musikproduzent aus Nörten-Hardenberg. Als Schünemann 15 war, hatte er Dietrich und seine Kollegen, darunter G. G. Anderson, bei Auftritten von deren Band Blue Moons in Göttingen angehimmelt. Nun, es ist Ende der Achtziger, sagt Dietrich, Schünemann solle keine Coversongs spielen. Er brauche einen Hit.

Hit in einer halben Stunde

Der Hit heißt „Der alte Kapitän mit der Ziehharmonika“ und erscheint 1991. Marianne Schünemann lacht und erzählt, ihr Mann habe das Lied in einer halben Stunde an einem Schlechtwettertag im Urlaub geschrieben. Er lacht und ergänzt, eigentlich habe er damit seinem Vater ein Denkmal gesetzt. Es ist ein Weserlied, ein Slowfox mit perlenden Keyboardakkorden. Und immer, wenn die Zeile „...  auf der Weeeser“ kommt, steckt eine große Portion Heimatsehnsucht in Schünemanns Stimme. Das ist keine Masche. Er empfindet das so. Er liebt das Weserbergland.

Ein bisschen Masche ist vielleicht der Slogan mit dem Jungen von der Weser, den Produzent Dietrich beisteuert. Dass der Junge damals schon 37 ist und graue Schläfen hat, spielt keine Rolle. Freddy Quinn war 40, als er der Junge von St. Pauli wurde. Dietrich bringt Schünemanns Song bei Polydor unter, und es wird wirklich ein Hit, ein Volksmusikhit. Sie haben eine Marktlücke entdeckt: Wesermusik.

Schünemanns Pech ist es, dass es dann wegen eines anderen Sängers Streit zwischen Dietrich und der Plattenfirma gibt, es kommt zum Bruch, und damit ist auch der Weserjunge wieder draußen. Trotzdem spielt NDR 1 Niedersachsen seinen Song rauf und runter, später auch seine anderen Weserlieder. Moderatoren wie Michael Thürnau und Lutz Ackermann holen Schünemann ins Studio und auf die Bühne. Außerdem spielt er nun selbst auf Ausflugsdampfern, wie der Vater. Und eine weiße Mütze darf er dabei endlich auch tragen.

Einmal fällt ihm auf, dass all diese Leute, die ihm zuhören, alte Leute sind. Und dass sie irgendwann wegsterben werden. Und als der Volksmusikboom dann tatsächlich vor rund zehn Jahren zu verebben beginnt, fällt auch Peter Schünemann in ein Loch. Es kommt ihm besonders tief vor, weil er zwar immer irgendwie mittendrin, aber nicht ganz oben war. Er hat unzählige Fotos aufgehoben: Er mit dem Naabtal-Duo. Er mit Marianne und Michael. Mit Tony Marshall. Mit Stefanie Hertel. Aber richtig an der Spitze war er nicht. Und damit hadert er. Er weiß, dass er gut genug war. Aber irgendwas hat gefehlt.

Orgel mit Wumms

Vielleicht hat gefehlt, dass Peter Schünemann sich nicht genug angepasst hat. Die anderen, die, die ganz oben waren, haben ihm erzählt, wie es da ist. Man macht nicht das, was man will, sondern das, was der Manager will. Und der will, was die Plattenfirma will. Und wenn man das nicht will, ist man ganz schnell raus. Schünemann hat Briefe von Leuten aufgehoben, die ihm erzählt haben, wie leer es da oben oft ist. Wie traurig. Er schaut zu seiner Frau. Sie lacht nicht. Er auch nicht. Aber man sieht, was beide denken: Sie sind immer noch verheiratet, die da oben haben alle ihre kaputten Beziehungen.

Seine Internetseite ist inzwischen abgeschaltet, aber man kann ihn immer noch buchen, den Jungen von der Weser. Und in Uslar kann man ihn sonntags Kirchenorgel spielen hören. Nicht so kirchenmäßig getragen, sondern schwungvoll. Mit Wumms und ein bisschen schräg. Er mag Jazz. Wenn er davon erzählt, dann verschwindet das Bewölkte aus seinen braunen Augen. Und sie beginnen zu funkeln.

Er ist wieder ein Stück weitergekommen.

Von Bert Strebe

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