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Der Norden Norderney setzt auf Heilkraft des Meeres
Nachrichten Der Norden Norderney setzt auf Heilkraft des Meeres
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00:17 16.07.2018
Gabriele Schulte Quelle: E-Mail HAZ
Norderney

Sonne oder Regen, warm oder kalt – egal. Bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit stürzen sich Norderneyer Kurgäste in die Fluten. Klimatherapie nennt sich das, und die kostet auch im Sommer Überwindung. „Es ist schon frisch mit dem Wind“, sagt Sandra Zech. Die Betriebswirtin erholt sich seit zehn Tagen mit ihren dreijährigen Zwillingstöchtern bei einer Mutter-Kind-Kur der Caritas, nur einen kurzen Fußweg vom Strand. Zur Klimatherapie wird hier niemand gezwungen. Doch fast alle 38 Mütter laufen vor dem Frühstück gemeinsam in die Brandung, nicht nur der Gesundheit wegen. Einmal eingetaucht, melden sich der Stolz und das schöne Gefühl, lebendig zu sein. „Man bekommt sofort ein Lächeln aufs Gesicht“, schwärmt Zech.

Norderney und Kur – heute meist Reha genannt und wieder großzügiger von den Kassen gewährt – gehören seit mehr als 200 Jahren untrennbar zusammen. Schon als das Seebad im Jahr 1800 gegründet wurde, war bekannt, dass ein Aufenthalt am Meer das Befinden verbessern kann. In jüngerer Zeit wurde ein neuer Name für diese Heilkraft gefunden: Thalasso, abgeleitet vom altgriechischen Wort für Meer. Auch wurde gründlich erforscht, wie und warum das Meer wirkt.

Ein großes Thalasso-Zentrum

Inselbewohner Friedhart Raschke, aus Hessen zugezogen, hat dazu beigetragen. „Das Ganze hat sehr viel mit Temperaturregulation des Körpers zu tun“, erläutert der habilitierte Mediziner. Mit einer so knappen Erklärung würde sich der langjährige Leiter des Instituts für Rehabilitationsforschung Norderney allerdings niemals zufrieden geben. Angehenden Therapeuten, aber auch Inselbesuchern auf Bildungsurlaub, erzählt der Thalasso-Experte detailliert von der wichtigen Balance zwischen Aktivität und Entspannung.

Anhand von Messwerten zur Hauttemperatur erklärt er, wie schon ein kurzer Spaziergang in frischer salzhaltiger Brise den Stoffwechsel ankurbelt und das Immunsystem kräftigen kann: „Das ist Sport für die Muskulatur der Blutgefäße.“ Die bessere Durchblutung halte im Meeresklima länger an, für Laien an noch am Abend rosigen Wangen erkennbar. Wer Probleme mit Atemwegen, Haut, Herz oder Kreislauf hat und mindestens eine Woche am Meer bleibe, könne von dem Effekt zu Hause weiter profitieren.

Der Begriff Thalasso ist auf Norderney allgegenwärtig. Er umfasst viel mehr als die Spaziergänge im Wind und die Abhärtung im Wasser. Yoga am Strand zählt genauso dazu wie ein Whirlpoolbad im Hotel – vorausgesetzt, es benutzt unbehandeltes Wasser aus dem Meer und liegt davon nicht weiter als 300 Meter entfernt. Raschke spricht von einem „prima Klima“, das nicht nur aktivierende Reize ausübt, sondern auch schont, weil die Luft fast pollenfrei ist.

Von einer der bisher drei Thalasso-Plattformen aus kann man die Nähe des Meeres besonders schön auf sich wirken lassen. Auch der Thalasso-Arzt steuert sie gern bei seinen täglichen Radrunden an. Die naturnah gestalteten Konstruktionen aus Kiefernholz, auf denen auch drehbare Strandkörbe aus Flechtwerk stehen, hat das Staatsbad auf Aussichtsdünen im Nationalpark errichten lassen. Wenn das Wetter nicht mitspielt, spielt Norderney zudem den Trumpf des Jugendstil-Badehauses am historischen Kurplatz aus – ein Wellness- und Therapietempel, nicht weniger als das größte Thalasso-Zentrum Europas.

Weg vom „Ballermann“-Image

Die vielen schönen Gründerzeitbauten wollen so gar nicht zu dem langjährigen Image Norderneys als deutscher „Ballermann“ passen. Kegelklubs und Fußballvereine machen sich gern zu der Insel auf, die als einzige mit Bahn und Fähre im Stundentakt zu erreichen ist. Je nach Wetter stürmen sie den Strand oder die kleinen Läden in der Fußgängerzone, vor allem die Gastronomie aber macht ein gutes Geschäft. Dennoch hängten manche Gastwirte irgendwann entnervt Schilder vor die Tür, auf denen sie „keine Clubs“ willkommen heißen.

Auch die Staatsbadverwaltung wollte nicht tatenlos zusehen, wie bölkende Gruppen den Ruf ruinierten. „Wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Hans Emmius Rass. Seit ein paar Jahren bemühe man sich mit Erfolg, schlechtes Benehmen vom Kurplatz und anderen zentralen Orten fernzuhalten. „Wenn da ruhige Musik gespielt wird, verlieren solche Gruppen das Interesse“, meint Rass. Doch er wolle die Klubs nicht über einen Kamm scheren: „Nicht alle schlagen über die Stränge.“

Zufriedener zeigt sich der Verwaltungsvertreter mit einer anderen Klientel. Norderney habe, auch dank Thalasso, viele „Autos mit dem Sylt-Aufkleber“ locken können. Ihnen machen auch die hohen Preise im Badehaus nicht so viel aus. „Viele Sylt-Aufkleber sind hier geblieben“, freut sich Rass. Diese Fraktion steht gern an der malerisch über dem Nordstrand gelegenen berühmten „Milchbar“ für den aktuell angesagten Aperitif an – nach Hugo und Apérol Spritz zurzeit Weißwein im Sektkühler. Den Mondänen könnten auch die Algen-Spaghetti schmecken, die das Staatsbad herstellen lässt und bald selbst vermarkten will. Thalasso, was sonst?

Brauhaus eröffnet

Aber jedem das Seine, die Stadt ist groß genug. Rustikal geht es in der noch recht neuen Weststrand-Bar zu. Einheimische holen sich gern bei Sonnenuntergang ein herbes Pils oder ein süffiges Weizen aus örtlicher Produktion vom hölzernen Tresen. Betreiber Tobias Pape braut das Bier selbst. Der Elektroingenieur stammt aus Hannover, 2012 schwenkte er um und richtete in Norderneys Zentrum ein kleines Brauhaus ein. Das führt Pape neuerdings nur noch als Gaststätte. Denn die Nachfrage nach dem nur auf der Insel verkauften Bier war so groß, dass er für die Produktion mit 20 Mitarbeitern ins Gewerbegebiet umzog. Der 47-Jährige versteht sich nicht als Romantiker: „Es war nicht mein Lebenstraum, Brauer zu werden. Ich wollte auf dieser schönen Insel leben – und habe eine Nische gefunden.“

Dass Norderney groß ist, lässt sich auch am vielfältigen kulturellen Angebot ablesen. Von kommender Woche an werden zum Beispiel wieder die Warschauer Symphoniker Konzerte geben, dank Sponsoring des Staatsbads für die Zuhörer kostenlos. Da nehmen viele Inselbesucher gern die Autos und Linienbusse in Kauf, die Norderney  – wenn auch mit starken Einschränkungen – befahren. Immerhin ist der Verkehr so überschaubar, dass es auf Norderney nur eine einzige Ampel gibt: an der Auffahrt zur Fähre.

„Auf Spiekeroog würde ich es nicht aushalten“, sagt der Arzt Friedhart Raschke, selbst passionierter Radfahrer. „Dafür bin ich zu sehr Städter.“ Im Naturschutzgebiet lasse sich jederzeit auch Inseleinsamkeit finden. Mit Ferienbeginn in Nordrhein-Westfalen ist das seit diesem Wochenende allerdings schwerer geworden. „Ein bisschen Leben“ zieht auch Kristina Rieken einer Dorfruhe vor. Die 29-Jährige ist stellvertretende Leiterin des Caritas-Gesundheitszentrums, von dem sich frühmorgens die in ihrem Alltag zu Hause überlasteten Mütter zur Klimatherapie aufmachen.

 Fünfmal im Jahr für jeweils drei Wochen können in der Fachklinik ausschließlich Väter mit ihren Kindern neue Kraft schöpfen. Das Caritas-Haus Thomas Morus ist bundesweit das einzige, in dem alleinerziehende oder verwitwete Männer unter ihresgleichen neue Kraft schöpfen können. Norderneys Kurlandschaft ist groß, da findet sich etwas für jeden. Viele kommen wieder. Denn auch Thalasso wirkt nicht ewig.

Norderney

Deutschlands ältestes Nordseeheilbad ist beliebt als Ort für Kuren sowie für Seminare und Bildungsurlaube mit Erholungsfaktor. Das städtische Flair des Ortes mit rund 6000 Einwohnern lockt zudem Besucher an, für die ein Einkaufsbummel inmitten schöner Bäderarchitektur Teil eines gelungenen Urlaubs ist. Gäste finden auch ein breites kulturelles und gastronomisches Angebot vor.

Der Osten der Insel ist durch weite Dünenlandschaft geprägt. Norderney bietet 15 Kilometer Strand und ein umfangreiches – auch überdachtes – Wellnessangebot. Autos sind auf der 26 Quadratmeter großen Insel erlaubt.

Die Fähren der Reederei Frisia
verkehren tideunabhängig, in der Sommersaison 14-mal pro Tag. Deshalb, und weil die Deutsche Bahn den Festlandhafen Norddeich direkt anfährt, wird Norderney auch gern von Tagestouristen angesteuert. Die Überfahrt dauert etwa eine Stunde.

Ab auf die Insel

Die neue HAZ-Serie „Ab auf die Insel“ nimmt Sie mit in den hohen Norden. Unsere Autorin Gabriele Schulte besucht alle sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln – und berichtet von Strandaktivitäten, beschaulichen Dörfern und quirligen Städtchen, von geruhsamer Fortbewegung mit Kutsche, Fahrrad und Inselbahn sowie den Sorgen der Insulaner um Deiche, Dünen, Häfen und bezahlbaren Wohnraum. Hier finden Sie alle Teile der HAZ-Serie

Von Gabriele Schulte

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