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Der Norden Nach Lynchjustiz in Bremen: RTL in der Kritik
Nachrichten Der Norden Nach Lynchjustiz in Bremen: RTL in der Kritik
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00:19 19.06.2018
In dem Fall von Lynchjustiz nach einem TV-Bericht über Pädophile in Bremen hat sich ein Tatverdächtiger gestellt. Quelle: dpa
Bremen

Im Bremer Lynchjustiz-Fall hat sich einer der Tatverdächtigen der Polizei gestellt. Er habe zugegeben, zusammen mit weiteren Männern am Dienstag einen 50-Jährigen in seiner Wohnung zusammengeschlagen zu haben, sagte eine Polizeisprecherin am Freitag. Die Ermittler würden nun neuen Hinweisen nachgehen können. Weitere Angaben zur Person des Verdächtigen wollten weder Polizei noch Staatsanwaltschaft machen.

Mann aus Beitrag unschuldig

Der Tatverdächtige soll in einer Gruppe von bis zu zehn Männern einen völlig unschuldigen 50-jährigen Mann an dessen Wohnungstür zusammengeschlagen haben. Die Gruppe hielt das Opfer irrtümlich für einen angeblichen Pädophilen, der verpixelt in einem Bericht der RTL-Sendung „Punkt 12“ zu sehen gewesen war. Tatsächlich handelte es sich bei dem Opfer aber um einen unbeteiligten Mann.

Doch nicht nur dieser Mann ist laut Polizei unschuldig, sondern auch derjenige, der in dem RTL-Beitrag unter Pädophilie-Verdacht gestellt wurde. Wie die Bremer Polizei am Freitag mitteilte, hat sich der im Fernsehen gezeigte Mann noch am Tag der Ausstrahlung an die Polizei gewandt. „Intensive kriminalpolizeiliche Ermittlungen hatten zum Ergebnis, dass der Mann in keinerlei Zusammenhang mit dem in der Sendung dargestellten Fall der Pädophilie steht.“

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nach der Lynchjustiz wegen versuchten Totschlags. Das 50-jährige Opfer war zeitweise in Lebensgefahr.

Auch gegen Verantwortliche bei RTL wurde inzwischen ein sogenanntes Vorermittlungsverfahren eingeleitet, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Frank Passade, der HAZ. Dabei solle geprüft werden, ob ein Anfangsverdacht für ein förmliches Ermittlungsverfahren vorliege. Welche Art Straftat der Sender begangen haben könnte, sagte Passade nicht.

In dem Fernsehbeitrag wurde gezeigt, wie sich ein RTL-Lockvogel als 13-jähriges Mädchen ausgab und über ein Internetportal ein Treffen mit einem angeblich 28-jährigen Mann verabredete. „An dem vereinbarten Treffpunkt tauchte schließlich ein Mann auf, der sich auffällig verhielt“, fasste die RTL-Pressestelle den Inhalt des Beitrags zusammen, der inzwischen nicht mehr im Internet zu sehen ist.

RTL verteidigt sich

Der Privatsender machte den am vereinbarten Treffpunkt Gefilmten zwar unkenntlich, zeigte aber einen Wohnblock, in dem er möglicherweise leben sollte. In diesem Gebäude wohnt nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch der unschuldige 50-Jährige, den die Schläger fast zu Tode prügelten.

RTL verteidigte sich: „In dem Beitrag ist zu keinem Zeitpunkt behauptet worden, dass der Mann pädophil ist. Wir haben nur die Recherche abgebildet“, sagte ein RTL-Sprecher.

Von Eckhard Stengel