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Der Norden Kurnaz vermisst Aufstand der Muslime gegen den Terror
Nachrichten Der Norden Kurnaz vermisst Aufstand der Muslime gegen den Terror
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06:00 13.10.2017
„Was ist los mit euch?“: Murat Kurnaz. Quelle: Eckhard Stengel
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Bremen

Der ehemalige Häftling im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba, Murat Kurnaz, wünscht sich einen „Aufstand“ der in Deutschland lebenden Muslime gegen den islamistischen Terror. „Wo sind sie, die hier lebenden Türken oder Marokkaner oder Tunesier, die diesen Terror laut verurteilen? Wo ist der Aufstand der Muslime, die in Deutschland leben? Was ist los mit euch? Das ist unser Gott, dessen Name beschmutzt wird. Und vor allem: Das ist unser Land!“, schreibt der 35-Jährige in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Fünf Jahre Gefangenschaft

Der in Bremen geborene Sohn türkischer Gastarbeiter war 2001, bald nach den Anschlägen vom 11. September, als 19-Jähriger nach Pakistan gereist, „um den Islam zu studieren“, wie er sagte. Dort wurde er Ende 2001 als möglicher Terrorist festgenommen. Fast fünf Jahre lang saß er im afghanischen US-Stützpunkt Kandahar und im US-Lager Guantanamo Bay. Mehrfach wurde er nach eigenen Angaben gefoltert. Gegen den strenggläubigen Moslem gab es lediglich vage Indizien, die weder in Deutschland noch in den USA für eine Anklage reichten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewirkte 2006 seine Freilassung. Die vorher amtierende rot-grüne Bundesregierung wollte ihn dagegen nicht nach Deutschland zurückkehren lassen.

"Integriert euch, verdammt noch mal!"

Kurnaz arbeitet inzwischen als Kultur- und Sprachmittler für Flüchtlinge in Sprachlernklassen und in Heimen. Außerdem hält er Vorträge in aller Welt. „Mit meiner Arbeit habe ich es geschafft, aus meinen Erfahrungen Sinn zu schöpfen“, schreibt er in der „Zeit“. „Ich treffe häufiger mal Jungs, deren größtes Ziel es ist, reich zu werden, auch auf kriminelle Weise.“ Ihnen sage er, dass sie zwei Möglichkeiten hätten: „Ihr macht euch das Leben selber kaputt. Oder ihr integriert euch, verdammt noch mal!“

Viele arabisch- und türkischstämmige Jugendliche haben laut Kurnaz das Gefühl, sie würden nie dazugehören und hätten keine Chance in Deutschland. „Denen sage ich: Hört auf mit dem Quatsch! Ihr habt alle Chancen. Strengt euch an in der Schule. Macht eine vernünftige Ausbildung.“ Das Wichtigste dabei sei Geduld. „Es geht im Leben um den langen Atem.“ Und es gehe darum „zu schätzen, was man hat“. In Deutschland müsse niemand um sein Leben fürchten, jeder könne seine Meinung sagen. „Ich lebe im wahrscheinlich freiesten Land dieser Erde.“

„Ich habe keine Wut“

Kurnaz wiederholte auch seine Foltervorwürfe, die er bereits in einem Buch über seine Inhaftierung erhoben hatte. Aber er habe im Lager auch positive Erfahrungen gemacht, die seinen Glauben an die Menschen gefestigt hätten. Zum Beispiel habe er einen Araber kennengelernt, dem die US-Amerikaner beide Beine amputiert hätten. „Der dreckige Verband um seine Stümpfe wurde nie gewechselt. Er bekam keine Medizin und hatte furchtbare Schmerzen.“ Trotzdem habe er nur dann geweint, wenn andere geschlagen wurden. „Er hatte Mitgefühl, obwohl er selbst so unmenschlich behandelt wurde.“

Gegen den Rachekreislauf

Trotz der Haft und der jahrelang verzögerten Freilassung „habe ich keine Wut in mir“, schreibt der verheiratete Vater zweier Kinder. Bereits zum zehnten Jahrestag seiner Freilassung 2006 hatte er im vergangenen Jahr gesagt, keinen Hass zu empfinden, denn „dann wäre ich ja wie die Menschen, die mich gefoltert haben“. Stattdessen setzte er sich dafür ein, dass der Rachekreislauf, wie er sich auch beim islamistischen Terror zeige, endlich ein Ende haben müsse.

Von Eckhard Stengel

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