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Der Norden Wie laut darf Theater sein?
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00:17 16.07.2018
Musik, Tanz und Applaus unter Beobachtung: Ein Techniker misst jetzt den Pegel. Quelle: Fotos: Pid,Jelinek
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Bad Gandersheim

Seit 60 Jahren wird im Sommer mehrere Wochen lang vor der romanischen Stiftskirche in Bad Gandersheim Theater gespielt. Während der Festspielsaison besuchen im Schnitt insgesamt rund 50.000 Zuschauer die Aufführungen vor der eindrucksvollen Fassade der Basilika. In diesem Jahr hat das größte Freilichttheater Niedersachsens aber einen Stammgast, der die Open-air-Darbietungen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt – und sich nicht für die schauspielerische Leistung interessiert: Er misst den Lärmpegel, der von den Festspielen ausgeht.

Die Messungen sind eine Auflage des Verwaltungsgerichts Göttingen. Das Gericht hatte im vergangenen Sommer der Klage einer Anwohnerin des Domvorplatzes stattgegeben, die sich durch die Geräuschkulisse während der Festspielzeit beeinträchtigt fühlt. Das Gericht verpflichtete den Landkreis Northeim zum „bauaufsichtlichen Einschreiten“. Die Behörde muss in dieser Saison, die vom 10. Juni bis zum 5. August dauert, durch einen Sachverständigen ermitteln lassen, wie hoch die Geräuschbelastung ist. Sollte sich herausstellen, dass die zulässigen Werte überschritten werden, müsste die Behörde gegen die Bad Gandersheimer Domfestspiele gGmbH einschreiten.

Der Landkreis Northeim beauftragte daraufhin ein Ingenieurbüro aus Hannover, das auf technische Akustik spezialisiert ist. Nach den Vorgaben der Kammer sind jeweils an zwei Tagen des Auf- und Abbaus der Tribüne Lärmmessungen vorzunehmen, außerdem jeweils eine Messung bei den Proben der einzelnen Stücke. Hinzu kommen jeweils zwei Messungen bei den Abendvorstellungen der einzelnen Stücke. In diesem Jahr sind es das Schauspiel „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal, die Musical Comedy „The Addams Family“ und das Musical „Fame“.

Dabei geht es nicht nur um den Geräuschpegel, den die Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musiker auf der Bühne produzieren, sondern auch um die Lautstärke, die durch den Applaus entsteht. Auf die Arbeit der Theatermacher haben die Messungen keine Auswirkungen: „Bei uns läuft alles so wie immer“, sagt die Sprecherin der Domfestspiele, Melanie Spilker.

Das Publikum bekommt von den Messungen kaum etwas mit, da sich der Techniker stets außerhalb der Zuschauertribüne postiert. Viele Besucher nehmen den Mann gar nicht wahr, der auf einem Stuhl neben einem hoch ausgefahrenen Stativ mit einem Mikrofon sitzt und akribisch alle Details dokumentiert. Manche Passanten sprechen ihn auch direkt an. „Fast alle äußern sich lobend über die Domfestspiele“, sagt der Projektassistent.

Streit schwelt lange

Der Streit um die Geräuschkulisse schwelt seit Jahrzehnten. Anfang der 1990-er Jahre hatte sich der Sohn der jetzigen Klägerin über die Lautstärke bei den Aufführungen beschwert und wiederholt Aufführungen gestört, indem er bei offenem Fenster Staubsaugergetöse oder Radiolärm auf den Platz hinausschallen ließ. Die Stadt Bad Gandersheim, die Eigentümerin des Wohnhauses ist, hatte damals einige Anstrengungen unternommen, um die Mieter zu besänftigen. Unter anderem baute sie teure Schallschutzfenster mit einer speziellen Be- und Entlüftung ein.

Von Heidi Niemann

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