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Der Norden Kürzungen gefährden Flüchtlingshilfe
Nachrichten Der Norden Kürzungen gefährden Flüchtlingshilfe
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17:44 07.09.2018
Jesidin Nazdar (rechts) mit Beraterin Janine Niehues von der Diakonie Delmenhorst: Die Arbeit ist nicht weniger geworden. Quelle: Bert Strebe
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Delmenhorst

Nazdar braucht Beistand. Deswegen sitzt die zierliche Frau vor dem Schreibtisch von Janine Niehues in den Räumen der Migrationsberatung von Diakonie und Stadt Delmenhorst. Nazdar gehört zur Minderheit der Jesiden aus dem Nordirak. Die Terroristen des „Islamischen Staats“ wollen die Religion auslöschen, die Jesiden sind von einem Genozid bedroht. Aber darum geht es heute nicht, Nazdar ist längst als politisch Verfolgte anerkannt. Heute geht es um eines der vielen Probleme, die auf die Anerkennung folgen. Auch dafür ist Janine Nie­hues da. Jedenfalls so lange, wie es Geld für die Flüchtlingshilfe gibt.

Es geht um alltägliche Dinge

Wie lange lebt Nazdar schon in Deutschland? „Zwei Jahre und acht Monate“, sagt sie, ohne eine Sekunde zu überlegen. Ihr Deutsch ist noch ein bisschen dünn, aber wie lange sie hier ist, raus aus der Bedrohung, das kann sie fehlerfrei sagen. Sie lächelt. Doch in ihrem Gesicht ist auch dann, wenn ihre Augen leuchten, abzulesen, wie viel Schmerz und Angst sie schon überstehen musste. Jetzt macht ihr wieder etwas große Sorgen: Ihre Mutter im Irak ist krank. Was kann sie tun? Kann die Mutter nach Delmenhorst kommen?

Flüchtlingen und anderen Menschen, die in Deutschland noch fremd sind, zur Seite zu stehen, das ist der Job von Janine Niehues. Und von Zohreh Roushanpour. Und von Heike Mondorf. Die drei Frauen arbeiten für die Diakonie, in der Migrationsberatungsstelle am Ende der Langen Straße, der Fußgängerzone in Delmenhorst. Die Institution wird zusammen mit der Stadt betrieben. Zohreh Roushanpour ist die Dienstälteste, sie kommt aus dem Iran. Janine Niehues ist 2017 dazugestoßen, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingseinreisewelle, Heike Mondorf dieses Jahr.

Die Arbeit der drei ist nicht weniger geworden seit dem Rückgang der Zahlen, im Gegenteil: „Die Integration fängt ja jetzt erst an“, sagt Heike Mondorf. Aber ausgerechnet ihre, die dritte Stelle, die so notwendig war, ist gefährdet. Sie ist an den Integrationsfonds des Landes für besonders belastete Kommunen gekoppelt. Jetzt sind die Mittel für Delmenhorst gekürzt worden. Und die Verlängerung des Fonds ist nicht gesichert.

In die täglichen Sprechstunden der drei Frauen kommen jeweils 50 bis 60 Migranten, „da ist es hier proppenvoll“, sagt Janine Niehues. Und zu eigens vereinbarten Terminen kommen mindestens noch mal so viele. Es geht in den Beratungen um Asylanträge, Wohnungssuche, Behördengänge. Es geht aber auch um ganz alltägliche Dinge, etwa die teils schamlosen Verträge, die die Mobilfunkgesellschaften den Flüchtlingen aufschwatzen. Oder eben darum, dass die Mutter im Irak krank ist.

Wer von der Migrationsberatung die 500 Meter durch die Fußgängerzone zum Rathaus schlendert, merkt, wie sehr sich Delmenhorst verändert hat. Man hört viel Arabisch und sehr viel Russisch. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung besteht inzwischen aus Ausländern. 3000 Flüchtlinge und noch mal so viel Zuwanderer aus Südosteuropa leben in der Stadt.

Im Rathaus sitzt Oberbürgermeister Axel Jahnz mit Rudolf Mattern am Tisch, dem Fachbereichsleiter Soziales. Die beiden sprechen von „Belastung“. Sie meinen ausdrücklich nicht die Menschen, die kommen. Sie meinen die Finanzen. Jahnz, SPD, ist stolz darauf, dass Delmenhorst nicht einen Flüchtling in einem Zelt unterbringen musste. Und es ist nicht so, dass die Stadt sonst keine Sorgen hätte seit dem Niedergang der Textilindustrie; das Plattenbauproblemgebiet Wollepark ist nur eine. Die Rechten bekommen immer mehr Zulauf, die AfD hat 2016 rund 15 Prozent geholt und sitzt seitdem mit sieben Vertretern im Rat. Es gibt interessanterweise viele Russlanddeutsche unter den AfD-Anhängern. Rudolf Mattern erzählt von Demos der Volksgruppe gegen weitere Zuwanderer.

Kein Geld, keine Sozialarbeit

Die Stadtspitze war 2017 froh über den vom Land aufgelegten Integrationsfond. 4 Millionen Euro sollte Delmenhorst bekommen – dringend benötigt für Sportprojekte, Nachbarschaftsbüros in den Stadtteilen, in denen sich Migranten konzentrieren, Berufseinstiegsförderung und Migrationsberatung wie die der Diakonie. Dann hat das Land das Geld neu verteilt, und plötzlich fehlt eine knappe Million. Delmenhorst muss an verschiedenen Stellen streichen.

Bürgermeister Jahnz bettelt nicht. Und er jammert auch nicht. Er fordert nicht mal, wie sein von denselben Problemen betroffener Kollege Frank Klingebiel aus Salzgitter. Jahnz gibt zu bedenken, dass die Schwierigkeiten zunehmen, wenn die Sozialarbeit weniger wird, und dass die Sozialarbeit weniger wird, wenn das Geld nicht weiter fließt. Und dass, wenn die Schwierigkeiten mit nicht integrierten Migranten zunehmen, die profitieren, die Politik mit der Angst vor Ausländern betreiben. „Ansonsten machen wir das Beste aus dem, was wir haben.“

Das macht Janine Niehues auch. Aus dem Stegreif weiß sie gar nicht, ob Nazdar ihre Mutter nach Deutschland holen könnte. Aber sie wird mit der Jesidin zur Ausländerbehörde gehen. Sie steht ihr zur Seite

Weniger Geld für mehr Kommunen

Der 2017 vom Land aufgelegte Integrationsfonds für besonders durch die Flüchtlingskrise belastetet Kommunen beläuft sich auf 10 Millionen Euro für zwei Jahre. Profitieren sollten Salzgitter, Wilhelmshaven und Delmenhorst. Mittlerweile sind aber auch Hameln, Laatzen, Leer, Lüneburg, Nienburg, Rotenburg, Stadthagen und Verden aufgenommen worden, mit Fördersummen zwischen 200000 Euro und einer Million. Deswegen müssen Salzgitter und Wilhelmshaven und Delmenhorst mit weniger Geld auskommen.

Regulär läuft der Fonds 2018 aus. Laut Innenministerium wird demnächst seine Wirksamkeit überprüft. Dann könne die Politik entscheiden, „ob und in welcher Höhe“ es ein Nachfolgeprogramm gebe.

Von Bert Strebe

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