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Der Norden Bremer Forscher schießen Tomaten in den Weltraum
Nachrichten Der Norden Bremer Forscher schießen Tomaten in den Weltraum
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22:16 17.06.2018
Ein fliegendes Gewächshaus: Ingenieure arbeiten am Deutschen Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR) an einem Forschungssatelliten. Quelle: Fotos: dpa
Bremen

Diese Tomaten wird nie jemand essen. Trotzdem werden Wissenschaftler mit Hilfe von 16 Kameras ihr Gedeihen in 600 Kilometern Höhe rund um die Uhr überwachen. Jens Hauslage dämpft gleich die Erwartungen: „Es ist schon ein Erfolg, wenn sie keimen und ein bisschen wachsen. Eine Frucht wäre perfekt“, sagt der Kölner Gravitationsbiologe. Im Sommer werden die Pflanzen in einem Forschungssatelliten zu ihrer Mission ins Weltall aufbrechen.

Bisher haben die Tomatensamen kein Wasser gesehen. „Die befinden sich im Schlafmodus“, sagt Hartmut Müller vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bremen, der das Projekt zusammen mit seinem Kölner Kollegen Hauslage leitet. Das fliegende Gewächshaus wird um die Erde kreisen und dabei die Gravitation auf Mond und Mars simulieren.

20-mal pro Minute um die eigene Achse

Im Reinraum am Bremer DLR gilt eine strenge Kleiderordnung. Nur wer Haarnetz, Kittel, Handschuhe und Überzieher über den Schuhen trägt, darf eintreten. Staub, Haare und Hautpartikel könnten der sensiblen Technik schaden. Vorsichtig heben zwei Ingenieure ein filigranes Netz hoch, tragen es zum nächsten Arbeitstisch und setzen es auf den Drucktank, in dem später die Tomaten sprießen sollen. Es soll das empfindliche Gebilde aus Kohlefasern vor winzigen Weltraumschrott-Splittern schützen.

Ein halbes Jahr lang soll sich der Satellit 20-mal in der Minute um die eigene Achse drehen, um Gravitation wie auf dem Mond entstehen zu lassen. Danach dreht er sich sechs Monate lang 32-mal in der Minute , um Bedingungen wie auf dem Mars zu simulieren. Welche Auswirkungen das auf das kleine Ökosystem im Inneren des Satelliten hat, werden Hauslage und seine Kollegen mit Spannung beobachten. „Alles verändert sich, wenn sich die Schwerkraft verändert.“

Dabei ist gar nicht die Frage: Können Tomaten im All wachsen? Dass Pflanzen das auch ohne und unter weniger Schwerkraft können, haben Experimente bereits bewiesen. Vor zehn Jahren ließen Botaniker der Universität Hannover auf der Internationalen Raumstation (ISS) Schotenkresse keimen, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Wurzelbildung zu beobachten. Dabei ging es vor allem um Grundlagenforschung.

Heute können Astronauten auf der ISS Salat ernten. Die US-Raumfahrtagentur Nasa hat 2016 auf der ISS eine Blume zum Blühen gebracht – das könnte als Vorläufer für Tomaten dienen, hieß es von der Nasa. Auch Tomatenpflanzen müssen blühen, bevor sie Früchte tragen.

Basistechnologie für Langzeitmissionen

An dem DLR-Projekt ist auch der Erlanger Biologe Michael Lebert beteiligt. Ob die deutschen Tomaten die ersten im Weltraum sein werden, kann er nicht sagen. „Die Chinesen und die Russen haben schon viele Experimente zur Pflanzenzucht gemacht, aber wenig publiziert.“

Um Pflanzen auf Mond oder Mars anbauen zu können, braucht es einen geschlossenen Kreislauf: Wasser, Luft und Nährstoffe müssen immer wieder recycelt werden. Denn es wäre zu aufwendig und zu teuer, ständig Nachschub von der Erde zum Mond zu fliegen – zum Mars wäre es kaum möglich. „Das ist Basistechnologie für Langzeitmissionen“, sagt Müller.

Im Inneren des Satelliten wachsen die zwölf Tomatenpflanzen auf künstlichem Substrat. Über einen Filter wird mit Hilfe von Bakterien eine Düngelösung aus Urin gewonnen – in diesem Fall künstlicher, in Raumstationen käme er von den Astronauten. Unterstützung bekommen die Bakterien von Augentierchen, beweglichen Einzellern, die Sauerstoff für die Bakterien und die Tomaten produzieren. „Wir haben zwei gekoppelte Lebenserhaltungssysteme“, sagt Lebert. „Das ist wie auf der Erde: Monokulturen sind keine gute Idee.“

Von Irena Güttel

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