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Der Norden Antje Boetius’ Arbeitsplatz: Die ewige Dunkelheit
Nachrichten Der Norden Antje Boetius’ Arbeitsplatz: Die ewige Dunkelheit
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15:33 23.08.2018
„Ein Feld für Entdecker“: Die Meeresbiologin Antje Boetius aus Bremerhaven kämpft für die Lebenswelt in den Ozeanen. Quelle: Kerstin Rolfes/Alfred-Wegener-Institut/dpa
Bremerhaven

Tiefseeforscherin – das trifft den Beruf von Antje Boetius wohl am besten. Die 51-Jährige geht den Dingen gerne auf den Grund – wenn es sein muss in bis zu 3,8 Kilometern Tiefe. Die Meeresbiologin widmet sich geologischen und chemischen Fragen. Klimawandel, Mikroplastik, Meereserwärmung, das rasant schmelzende Eis in der Arktis: „Wir können gar nicht so schnell forschen, wie sich die Umwelt verändert“, sagt die Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Boetius nahm an 49 oft mehrmonatigen Expeditionen teil, viele leitete sie selbst. Nun hat sie für ihre Arbeit den Deutschen Umweltpreis erhalten. Sie teilt sich die mit 500.000 Euro dotierte Auszeichnung mit den Leipziger Abwasserexperten Roland Müller, Manfred van Afferden und Mi-Yong Lee vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung samt Initiator Wolf-Michael Hirschfeld.

Großvater war Walfänger

Dass Boetius einmal das Meer erforschen würde, war ihr schon als Kind klar. Sie las Abenteuerbücher wie „Kapitän Nemo“ oder „Die Schatzinsel“, sah Filme von Heinz Sielmann und natürlich von Jacques Cousteau. Ihr Großvater war Walfänger, ihr Vater ist Schriftsteller, aber die wichtigen Impulse kamen von der Großmutter und der Mutter.

Heute gilt sie als anerkannte Meeresbiologin, die in vielen wissenschaftlichen und politischen Top-Gremien mitarbeitet. Doch ihr liebster Arbeitsplatz liegt in der ewigen Dunkelheit.

„Das ist wirklich ein Feld für Entdecker. Jeder Tauchgang, jede Expedition zeigt einem völlig neue Wesen, völlig neue Landschaften, neue Erkenntnisse“, beschreibt sie eine Welt, in die sie mit einem kugelförmigen U-Boot vorstößt. Die ewige Dunkelheit liegt tiefer als 200 Meter.

Die Forschungsprojekte dürften weder Boetius noch kommenden Generationen von Meeresbiologen je ausgehen: „Wir haben weniger als 0,01 Prozent der Tiefsee überhaupt erforscht. Das macht das Forschungsfeld auch so spektakulär.“ Aber eine Erkenntnis ist schon sicher. Spuren der Menschen sind bis in die Tiefseegräben zu sehen, auch wenn dort noch nie ein Mensch war. Zivilisationsmüll, Plastik, überschüssige CO2 -Emissionen verteilen sich im Meer. „Alles, was wir tun, wird am Ende irgendwie im Meer landen“, so Boetius.

Der Aspekt der Nachhaltigkeit in der Arbeit der Bremerhavener Forscherin hat offenbar auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt überzeugt. „Lebendige Ozeane sind ein Muss. Ohne sie könnten wir nicht existieren“, erklärte Generalsekretär Alexander Bonde. In der offiziellen Würdigung heißt es, die Forschungsergebnisse des Alfred-Wegener-Instituts machten deutlich, „dass sich menschliches Handeln wie Treibhausgas-Ausstoß, Überfischung, Wasserverschmutzung bis in die unzugänglichsten Winkel der Erde auswirkt“.

Ein Jahr eingefroren mit der „Polarstern“

Eine der größten Expeditionen, die das Alfred-Wegener-Institut je geplant hat, soll ab September 2019 in Richtung Nordpol führen. Insgesamt 600 Forscher wollen sich abwechselnd an Bord des Schiffes „Polarstern“ in der zentralen Arktis einfrieren lassen. Ein Jahr lang soll die Reise dauern und weitere Erkenntnisse über den Einfluss der Arktis auf das globale Klima liefern. Boetius und dem AWI ist es gelungen, mehrere Forschungseinrichtungen für das Projekt zusammenzubringen.

Ob national im Wissenschaftsrat, in Universitäten oder internationalen Forschergremien, bei Kinder-Unis, in Kindergärten oder Schulen – Forscherin Boetius erklärt ihre Arbeit und die Erkenntnisse gerne. Dass die Weltmeere und ihre Bewohner durch menschliches Handeln zunehmend bedroht sind, liegt nicht am Mangel wissenschaftlicher Erkenntnisse oder an fehlenden Warnungen. „Wir sagen schon seit 20 Jahren, dass wir uns einen CO2-Anstieg nicht leisten können, dass wir nicht die fossilen Brennstoffe aufbrauchen können“, betont Boetius.

Doch was nutzt alles Erklären, wenn jene, die die Macht dazu haben, nicht reagieren. „Die Wissenschaft kann warnen und mahnen und kann laut oder auch nicht so laut sein. Aber wir können nicht die Regeln für die Gesellschaft bestimmen. Das macht die Politik.“ Von der ist die Forscherin stark enttäuscht. „Trotz all der Forschung, die wir bereitstellen, trotz unserer Erkenntnisse, hat man das Gefühl, da sitzen Leute auf ihren Ohren.“

Von Helmut Reuter