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Der Norden Schlaganfall-Patientin will wieder arbeiten – darf aber nicht
Nachrichten Der Norden Schlaganfall-Patientin will wieder arbeiten – darf aber nicht
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00:15 08.01.2019
Antrag, Ablehnung, Widerspruch, Ablehnung: „Manchmal könnte ich schreien“, sagt Annika Bielenberg. Quelle: Bert Strebe
Braunschweig

Annika Bielenberg kommt dem Besuch im Rollstuhl über den Flur entgegengerollt. Klar, Schlaganfall. Es war ja auch der Lebensgefährte, der die Tür geöffnet hatte. Logisch bei Schlaganfall. Komisch, in ihrem Gesicht ist gar nichts richtig schief, wäre das nicht normal bei Schlaganfall? Und dann steht Annika Bielenberg aus dem Rollstuhl auf und sagt „Hallo“ und schüttelt dem Besuch die Hand. Schlaganfall!?

Ja. Annika Bielenberg aus Braunschweig, heute 50, hatte vor anderthalb Jahren einen Schlaganfall. Aber sie hat ihn gut gemeistert. Sie kann sprechen, sie kann schon teilweise laufen und lernt immer mehr, ihren linken Arm zu gebrauchen. Sie macht Riesenfortschritte. Und sie will auch wieder arbeiten. Doch die Reha, die sie dafür braucht, ist ihr bisher verweigert worden. Antrag, Ablehnung, Widerspruch, Ablehnung. „Manchmal könnte ich schreien“, sagt Annika Bielenberg.

Es war im Juni 2017. Annika Bielenberg saß gerade mit zweien ihrer drei erwachsenen Kinder, den Mädchen, in einem Restaurant in Amsterdam. Es sollte ein Frauenwochenende werden. Dann fühlte sich etwas in ihrem Gesicht taub an. „Ich glaub, ich hab einen Schlaganfall“, hat sie noch selbst gesagt, kann sich aber nicht mehr dran erinnern. Gut war: Eine Ärztin an einem Nebentisch hatte die Symptome zeitgleich bemerkt.

Annika Bielenberg kam in eine Amsterdamer Klinik, man musste ihr ein Stückchen vom Schädelknochen entfernen, um den Hirndruck zu verringern. An der Stelle sitzt jetzt eine kleine künstliche Knochenplatte aus dem 3-D-Drucker. Annika Bielenberg blieb drei Wochen in Amsterdam, dann kam sie in die Reha nach Seesen. Wieder sitzen lernen. Wieder Gleichgewicht lernen. Wieder das Gleichgewicht zu verlagern lernen.

Linker Arm beeinträchtigt

Drei Monate war sie da, anschließend noch sechs Wochen zur zweiten Reha in Bad Harzburg. Das Sprachzentrum war nicht so schlimm betroffen, inzwischen merkt man kaum noch eine Einschränkung. Der linke Arm ist noch deutlich beeinträchtigt, aber aus der Schulter heraus kann sie ihn schon bewegen. „Ich werde es mindestens schaffen, ihn als Haltearm zu benutzen“, sagt sie. Sie kann laufen, noch nicht viel, aber sie kann laufen. Und sogar Stufen bewältigen. „Und ich weiß, dass ich noch viel mehr erreichen kann“, sagt Annika Bielenberg.

Sie kennt sich nämlich aus, sie ist Ergotherapeutin und hat einen Master in Therapiewissenschaften. Annika Bielenberg hat sogar schon mal mit Schlaganfallpatienten gearbeitet, auch wenn das schon eine Weile her ist. Zuletzt war sie an einer Braunschweiger Förderschule für Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen. Und da will sie wieder hin.

Sie hat klare Vorstellungen, was ihr weiterhelfen kann. Etwa die sogenannte Constrained-Induced Movement Therapy, bei der der gesunde Arm zeitweise stillgelegt wird, um Patienten zum Gebrauch des kranken Arms und so zum Training und damit zu neuen Nervenverbindungen im Gehirn zu animieren. Oder die Spiegeltherapie, bei der ein Spiegel so zwischen kranke und gesunde Körperhälfte gestellt wird, dass der Patient nur die gesunde Hälfte sieht. Das Gehirn schließt dann aus dem Gesehenen, auch die gelähmte Seite werde bewegt – und das führt tatsächlich zu Fortschritten.

Für dergleichen braucht Annika Bielenberg allerdings eine weitere Reha. Kostenträger: die Rentenversicherung Braunschweig-Hannover. Die wiederum verlangt dazu eine Beurteilung durch eine Gutachterin, und den Part übernahm eine Braunschweiger Fachärztin für Nervenheilkunde. Annika Bielenberg sagt, sie habe die Praxis im Februar 2018 auf eigenen Füßen betreten. Aber als sie der Ärztin gegenübersaß, erzählt sie, begrüßte sie Frau Doktor mit dem Satz: „Sie wollen doch bestimmt nicht wieder arbeiten?“

Annika Bielenberg machte der Ärztin klar, dass sie sehr wohl arbeiten wolle. Trotzdem wurde der Reha-Antrag abgelehnt. Begründung: Es sei laut Gutachten der Nervenärztin keine Besserung des Zustands der Patientin zu erwarten. Und nachdem Annika Bielenberg dem Bescheid widersprochen hatte, kam eine neuerliche Ablehnung, mit derselben Begründung wie vorher, ohne weiteres Gutachten.

Klage eingereicht

Annika Bielenberg, die hart an sich arbeitet und regelmäßig in eine Physiotherapiepraxis geht, die auf Neuro-Reha spezialisiert ist, wurde langsam sauer. „Ich finde das unverschämt“, sagt sie. „Ich fühle mich alleingelassen. Ich weiß doch, was ich brauche.“ Und sie weiß, dass auch längere Zeit nach einem Schlaganfall noch Verbesserungen eintreten können. In ihrer Not wandte sie sich an einen Braunschweiger Anwalt.

Der Jurist heißt Rolf Matussek und ist Fachanwalt für Sozialrecht. Er hat inzwischen Klage gegen die Ablehnung der Reha eingereicht. Er habe „klar den Eindruck“, dass solche Reha-Anträge von den Sozialversicherungsträgern „systematisch abgelehnt werden“. Er höre das auch anderswo, und er allein habe mehr als 20 Fälle im Jahr zu vertreten, „Tendenz steigend“. Der Grund sei immer derselbe: „Reha ist ein Kostenfaktor.“ Annika Bielenbergs Lebensgefährte hat das mal überschlagen: Tagespflegesatz um die 200 Euro, sechs bis acht Wochen Fachklinik, da kommt schon ein Sümmchen zusammen.

Aber spart die Gesellschaft nicht Geld, wenn ein Schlaganfallpatient wieder arbeitsfähig wird und sich dann selbst ernähren kann und auch noch Steuern zahlt? „Ja“, sagt Anwalt Matussek. „Doch die Rentenversicherungen denken töpfeweise. Steuern, das ist nicht ihr Topf.“

„Wir gucken noch mal drauf“

Das ist eine Sichtweise, die die Rentenversicherung Braunschweig-Hannover weit von sich weist. „Wir sind für jeden dankbar, der sagt, dass er arbeiten will“, beteuert Sprecher Wolf-Dieter Burde. Nach der Anfrage der HAZ hat er sich den Fall Bielenberg angeschaut und sagt, nun, die Versicherung kenne bislang eben nur den Stand des Gutachtens vom Februar 2018. Und was ist damit, dass der damals schon nicht gestimmt haben kann? Zumindest seien die Fortschritte von Annika Bielenberg „nicht ärztlich belegt“, sagt der Sprecher. Und erklärt, die Dame hätte ja selbst ein Gutachten über ihre gesundheitliche Entwicklung einreichen können. Immerhin wisse man jetzt, dass sich etwas getan habe, und „wir gucken noch mal neu drauf“, fügt er hinzu. Im Gegenzug könne Annika Bielenberg dann vielleicht die Klage zurücknehmen.

Wie man Betroffenen im Alltag helfen kann

Erleidet jemand einen Schlaganfall, ist nicht nur er von den Folgen betroffen. Auch Partner, Familienmitglieder und Freunde müssen sich an die neue Situation gewöhnen. Doch sie können dem Betroffenen helfen. Deshalb sei es hilfreich, sich über die Folgen eines Schlaganfalls zu informieren, erklärt die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

Da ein Schlaganfall eine Verletzung des Gehirns darstellt, kann sich die Persönlichkeit des Betroffenen verändern. Manche Patienten werden aggressiv, wirken teilnahmslos oder sind ungeduldiger als vorher. Für Angehörige sei das oft besonders belastend, sagt Stefan Stricker von der Stiftung. Sie sollten wissen, dass die Betroffenen nicht absichtlich so reagieren.

Was häufig nach einem Schlaganfall zurückbleibt, ist eine Halbseitenlähmung. Für die Rehabilitation sei es hilfreich, die Betroffenen stets von der gelähmten Seite aus anzusprechen. So wird die Therapie auch außerhalb der eigentlichen Therapieeinheiten im Alltag fortgesetzt. Liegt nach einem Schlaganfall eine Sprachstörung vor, kann diese auch das Sprachverständnis beeinträchtigen. In diesem Fall hilft es dem Betroffenen, wenn man langsam und deutlich in kurzen und einfachen Sätzen mit ihm spricht. Wer schon einmal einen Schlaganfall hatte, besitzt ein höheres Risiko, erneut einen Schlaganfall zu erleiden. Angehörige sollten deshalb auf mögliche Anzeichen achten und im Zweifelsfall umgehend die 112 anrufen.

Von Bert Strebe

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