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Das Tor zur neuen Welt: Vor 125 Jahren öffnete Ellis Island

Tourismus Das Tor zur neuen Welt: Vor 125 Jahren öffnete Ellis Island

Jeder dritte Amerikaner kann seine Wurzeln auf Ellis Island zurückführen. Für mehr als zwölf Millionen Einwanderer war die Station im Hafen von New York Insel der Träume - oder der Tränen. Vor 125 Jahren wurde sie eröffnet und ist heute Touristenattraktion.

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Mit der Fähre kommen Urlauber nach Ellis Island. Auch heute noch fällt der erste Blick meist auf die Freiheitsstatue auf Liberty Island. Foto: Julienne Schaer

New York. Frank Kudrna kam 1912 aus dem heute tschechischen Šardice, seine schwangere Frau Anna und den gemeinsamen Sohn Jan ließ er zunächst zurück. Erst zehn Jahre später reisten sie nach. Barnett Chadekel reiste 1909 gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern auf einem Dampfschiff an.

Die Familie war vor dem wachsenden Antisemitismus in Russland geflohen. Der 16-jährige Iparhos Perdikis kam mit seinen Eltern aus Zypern. In New York änderte er seinen Namen in Harold Perris und wurde ein gefeierter Sänger und Tänzer. "Von dieser wunderschönen Stadt habe ich meine Träume", wurde er später zitiert.

Für die Kudrnas, die Chadekels, die Perdikis und Millionen andere Menschen wurde

Ellis Island zum Schicksalsort. 1892, vor 125 Jahren, eröffnete auf der kleinen Insel im Hafen von New York eine Einwanderungsstelle, die größte und betriebsamste der Vereinigten Staaten. Für die meisten der mehr als zwölf Millionen Menschen, die bis 1954 hier ankamen, wurde Ellis Island zur "Insel der Hoffnung" - als erster Schritt in eine neue Welt. Nicht wenigen wurde der Zugang aber auch verwehrt - und Ellis Island zur "Insel der Tränen".

Jeder dritte Amerikaner kann heute seine Wurzeln auf Ellis Island zurückführen. Manche von denen, die hier meist arm, aber mit großen Hoffnungen ankamen, wurden zu reichen Weltstars, wie "Tarzan"-Schauspieler Johnny Weissmuller, Komiker Bob Hope, Sänger Irving Berlin oder Hollywood-Legende Cary Grant.

Der erste Blick der Neuankömmlinge fiel meist auf die dominante Freiheitsstatue auf Liberty Island. Los ging es aber auf der Nachbarinsel. Amerikanische Ureinwohner hatten um Ellis Island herum einst Austern gesammelt. 1774 kaufte der New Yorker Händler und Namensgeber Samuel Ellis die "wunderbar gelegene Insel" und errichtete darauf ein Lokal.

Gäste konnten mit dem Boot anlegen, Austern sammeln und Panorama-Blicke über den Hafen von New York genießen. Später wollte Ellis die Insel wieder verkaufen, aber ohne Erfolg. Nach seinem Tod übernahmen erst die Stadt New York und dann die Vereinigten Staaten das Grundstück und nutzten es als Gefängnis, Munitionslager und Befestigungsanlage.

Aber die Zahl der Einwanderer wuchs und wuchs. Das kleine Castle Clinton an der Südspitze Manhattans, die bisherige zentrale Einwanderungsstelle der Stadt, wurde zu eng. Ellis Island war eigentlich auch zu klein. Aber unter anderem mit Aushub vom Bau der U-Bahn wurde die Insel durch Landgewinnung um 90 Prozent vergrößert. Eine erste hölzerne Einwanderungsstation, eröffnet am 1. Januar 1892, brannte fünf Jahre später wieder ab. Der danach gebaute Steinkomplex mit den markanten Zwiebeltürmchen steht bis heute. Neben dem zentralen Einwanderungskomplex entstand auf der Insel auch noch ein Krankenhaus.

Annie Moore aus Irland und ihre zwei Brüder waren am 1. Januar 1892 die ersten Einwanderer, die die neue Station passierten. In den knapp 63 Jahren danach waren es teilweise bis zu 12 000 Einwanderer pro Tag, rund fünf Prozent davon aus Deutschland. Die Inspektion mit Befragungen, Untersuchungen und Tests dauerte durchschnittlich drei bis sieben Stunden. 29 Fragen gab es zu beantworten, unter anderem wie viel Bargeld der potenzielle Einwanderer dabei hatte - denn niemand sollte der Gesellschaft später zur Last fallen. Auch wer krank war, wurde meist abgewiesen. Insgesamt wurden etwa zwei Prozent der Ankömmlinge zurückgeschickt.

"Sie haben uns Fragen gestellt", erinnerte sich Pauline Notkoff 1985 für das Archiv von Ellis Island. "Wie viel ist eins und eins? Wie viel zwei und zwei? Ein Mädchen wurde gefragt: Wie putzt man Treppen? Von unten nach oben oder oben nach unten? Sie antwortete: "Ich bin nicht nach Amerika gekommen, um Treppen zu putzen."" Sie kam rein.

"Manche Familien mussten Tage oder Wochen hier ausharren", erzählt Michael Burke, Chef der Fährgesellschaft, die heute jeden Tag hunderte Touristen auf die Insel bringt. "Für sie gab es ein Krankenhaus, in dem über die Jahre 35 Kinder geboren wurden. Es sind allerdings auch 3500 Menschen hier gestorben."

1954 schloss Ellis Island, weil der Einwandererstrom nicht mehr nur zentral an einem Ort bewältigt werden konnte. Lange galt die Insel als verlassen, seit 1991 fungiert sie als Museum - und ist zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen New Yorks geworden. Auch wenn Ellis Island ganz genau genommen eigentlich gar nicht nur in New York liegt, sondern - wie 1998 nach jahrzehntelangem Streit vom obersten Gerichtshof der USA festgelegt - zum Großteil im Nachbarstaat New Jersey.

Die nationale Parkbehörde der USA betreibt die Insel heute, gemeinsam mit Liberty Island nebenan. Die Ruinen des Krankenhauses auf der Südseite von Ellis Island sind nur mit spezieller Führung zu besichtigen, aber das Museum ist frei zugänglich. Seit einer umfassenden und millionenschweren Renovierung nach Schäden durch Hurrikan Sandy 2012 erstrahlt es wieder in neuem Glanz. Damals stand das Wasser im Erdgeschoss bis zur Decke.

Die Sammlung besteht aus rund einer Million Objekten - wie beispielsweise dem letzten noch erhaltenen Schreibtisch der ehemaligen Einwanderungsbehörde, einem altem Rollstuhl und dem gut erhaltenen Teddybär einer Schweizerin, die vor mehr als 100 Jahren als kleines Mädchen auf Ellis Island ankam. Jahrelang mussten die Objekte nach Sandy auf das Festland ausgelagert werden, seit einigen Jahren sind sie nun wieder zu sehen. "Ellis Island ist wieder komplett", sagte der Geschäftsführer der Liberty Island Foundation, Stephen A. Briganti, bei der Wiedereröffnung.

So viele Menschen wanderten über Ellis Island in die USA ein, dass fast jeder US-Amerikaner einen ihrer Nachfahren im Verwandten- oder Bekanntenkreis hat. Per Online-Suche auf der Webseite der Insel kann das leicht überprüft werden. Und wer seine Spuren dort hinterlassen will, der kann seinen Namen gegen eine Spende in eine Wand vor dem Museum eingravieren lassen - dort bleibt er dann mit Blick auf die Skyline von Manhattan.

dpa

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