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Prospekte reichen nicht: Wo Tourismus funktioniert

Tourismus Prospekte reichen nicht: Wo Tourismus funktioniert

Der Deutschlandtourismus läuft, aber nicht in allen Ecken der Republik. Touristiker sagen, manche Regionen müssten sich besser vermarkten - und weg vom "Kirchturmdenken".

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Kahnfahrten auf einem Fließ im Spreewald sind sehr beliebt. Rund 1000 Kilometer Fließe (Wasserwege) durchziehen den Spreewald im Südosten von Brandenburg.

Quelle: Patrick Pleul

Berlin. Viele Menschen machen Urlaub in Deutschland - aber nicht alle Regionen profitieren davon. Oft hakt es nicht an fehlenden schönen Landschaften, sondern an der Vermarktung, wie die Sprecherin des Deutschen Tourismusverbands, Sarah Mempel, erläutert. Das "Kirchturmdenken" müsse weg.

Ein Kirchturm allein mache nämlich noch kein touristisch erfolgreiches Ziel. Welche Regionen besonders vom Deutschlandtourismus profitieren - und welche sich noch schwer tun.

Küste, oh Küste:

Deutschlands Küsten an Ost- und Nordsee laufen traditionell gut. In Schleswig-Holstein legte die Ostseeregion im ersten Halbjahr um 6,5 Prozent auf 4,97 Millionen Übernachtungen zu. Das Urlaubsziel Nordsee schaffte ein Plus von 3,8 Prozent auf 3,7 Millionen. Auch Mecklenburg-Vorpommern - sonst eher eines der wirtschaftlich schwächeren Bundesländer - profitiert vom boomenden Tourismus. Im gesamten Jahr wird mit 30,5 Millionen Übernachtungen ein Rekord erwartet.

Innerhalb des Landes gibt es aber Unterschiede: Während die Küste enorm gefragt ist, gab es im ersten Halbjahr im Binnenland leichte Rückgänge - obwohl es etwa mit der Mecklenburgischen Seenplatte und vielen Schlössern und Herrenhäusern attraktive Reiseziele gibt. Mecklenburg-Vorpommern habe im Binnenland noch Nachholbedarf beim Marketing, teilweise auch beim Angebot, etwa beim Radwegenetz, stellt der Landestourismusverband fest.

Ein Blick in den Osten:

Eingelegte Gurke, Kahnfahrt und Heimatfeste der sorbischen und wendischen Minderheit - damit wirbt der

Spreewald seit Jahren. Das Unesco-Biosphärenreservat zählt mit seinem kleinteiligen Wassernetz zu den beliebtesten Zielen in Brandenburg. Und es kommen immer mehr Touristen - aus dem In- und dem Ausland. Die Zahl der Übernachtungen stieg im ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 11 Prozent, wie der Tourismusverband Spreewald mitteilt. Viele Berliner machen einen Abstecher in die Region, auch ein Pluspunkt.

Anders sieht es dagegen noch in Südbrandenburgs Grenzgebiet zu Polen aus: Die Region kann vom derzeitigen Boom nicht wirklich profitieren. Und das, obwohl der Spreewald als beliebtes Ausflugsziel gar nicht so weit weg ist. Woran liegt das? Der Tourismusverband Niederlausitz nennt als einen Grund, dass es an einem großflächigen und länderübergreifenden Marketingkonzept für die Lausitz fehle. Ansätze seien aber da: Seit Jahresanfang gebe es eine neue Rad-Wanderkarte, an der mehrere Tourismusverbände aus Brandenburg und Sachsen zusammengearbeitet hätten.

Das Ruhrgebiet - Kultur als Anschub:

Dass das Ruhrgebiet mehr ist als Kohle und Stahl, hat sich spätestens im Kulturhauptstadtjahr 2010 rumgesprochen: Kunst auf alten Abraumhalden, Theater in stillgelegten Industriehallen, malerische Altstädte, moderne Hafenlogistik. Seit 2001 wartet der größte Ballungsraum Deutschlands außerdem mit einer Welterbestätte auf: Zeche und Kokerei Zollverein. Jährlich besuchen 1,5 Millionen Menschen das weitläufige Industriedenkmal.

Vor allem für Kurzreisen ist die Region beliebt, im Schnitt bleiben Gäste zwei Tage. Im ersten Halbjahr zählten Statistiker mehr als 3,1 Millionen Übernachtungen, 3,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Aber nicht in allen Regionen funktioniert es, dass man sich nach einem Event wie dem Kulturjahr bei Touristen dauerhaft etabliert: In der Altmark in Sachsen-Anhalt jedenfalls hoffen Touristiker, dass der Effekt der Bundesgartenschau nachwirkt. "Klar war 2015 mit der Schau ein Ausnahmejahr", gibt die Geschäftsführerin des Tourismusverbands Altmark, Mandy Hodum, zu. Sie seien mit dem Jahr bisher aber zufrieden. Die strukturschwache Region gehörte dank der Buga in Sachsen-Anhalt und Brandenburg 2015 mit einem Übernachtungsplus von 20 Prozent zum Spitzenreiter beim Gästezuwachs in Sachsen-Anhalt. Was davon bleiben wird? Mal sehen.

Die Mittelgebirge, einige davon:

Harz, Rhön, Erzgebirge. In den Mittelgebirgen Deutschlands läuft es unterschiedlich. Das Sauerland konnte im vergangenen Jahr bei den Gästezahlen mit 5,5 Prozent auf 2,4 Millionen einen kräftigen Zuwachs verbuchen. Mehr als 450 000 von ihnen kamen aus dem Ausland, vor allem aus den Niederlanden und Belgien. Der Trend zur Kurzreise setzte sich fort: Im Schnitt blieben die Urlauber 3,1 Tage. Gerade Gäste aus den Ballungsgebieten an Rhein und Ruhr kämen beispielsweise an den Brückentagen und verlängerten Wochenenden, "um schnell mal raus ins Grüne zu fahren", heißt es bei Sauerland-Tourismus.

In anderen Regionen ist die Entwicklung eben - mittel. Die Touristiker in den südniedersächsischen Mittelgebirgen sind mit dem Jahr bisher ganz zufrieden. Von einem Boom könne aber keine Rede sein, heißt es bei den Verbänden im Harz und im Weserbergland. "Wir verzeichnen eine Steigerung der Übernachtungszahlen zwischen zwei und drei Prozent", sagt die Geschäftsführerin des Harzer Tourismusverbandes HVV, Carola Schmidt. Das sei ganz erfreulich, bewege sich aber im Bereich der üblichen Schwankungen. Eine außergewöhnliche Entwicklung könne sie jedenfalls nicht erkennen.

Die einzige Besonderheit sei vielleicht, dass nach übereinstimmenden Berichten aus vielen Tourismusorten mehr Gäste aus Holland und Dänemark in den Harz kommen als in früheren Jahren. "Das Interesse am Inland ist groß", sagt die Geschäftsführerin des Weserbergland-Tourismus, Petra Weniger. "Unsere Zuwächse sind aber nicht so, dass man von einem Boom sprechen kann." In diesem Jahr liege das Plus bei den Übernachtungen bisher bei gut zwei Prozent. "Wir sind zufrieden, aber nicht euphorisch."

Die Städte - und das Drumherum:

Man muss ja nicht immer nur auf Berlin schauen. Auch "Hypezig" macht seinem Namen alle Ehre. In der als hip geltenden Stadt Leipzig wächst nicht nur die Bevölkerung, sondern auch bei den Besucherzahlen geht es seit einigen Jahren aufwärts. Touristenbusse rollen durch die Straßen, die Hotels zu Kongressen sind voll. Für 2015 vermeldete die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM) mit rund 2,83 Millionen Übernachtungen den zehnten Gästerekord in Folge. Auch das erste Halbjahr 2016 lief gut, LTM-Chef Volker Bremer liebäugelt schon mit der 3-Millionen-Marke. Es wäre eine Verdopplung in gut zehn Jahren.

Auch anderswo boomen Städtetrips. Schauen wir auf Hessen: Im ersten Halbjahr zählten Hotels und Pensionen so viele Übernachtungen wie nie. Rund 15,5 Millionen waren es nach Angaben des Statistischen Landesamtes. Grund für die steigenden Zahlen sind besonders die vielen Geschäftsreisenden nach Frankfurt und ins Rhein-Main-Gebiet. "Die Städte boomen, das Wachstum auf dem Land ist weniger stark", sagt Herbert Lang, Leiter des Tourismusmarketings der Hessen Agentur. Das merkt auch manche Region in Rheinland-Pfalz: Dort hatte es im ersten Halbjahr die Eifel schwer. Die Zahl der Übernachtungen sank im Jahresvergleich um 7,1 Prozent. Trotz malerischer Vulkanseen.

Der Süden:

Ein paar Kühe vor Alpenpanorama - so sehen viele Postkarten aus Bayern aus. Für das erste Halbjahr meldete das Statistische Landesamt knapp 16 Millionen Gästeankünfte und 41 Millionen Übernachtungen, etwa fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Beliebteste Ziele? Oberbayern und München sowie Schwaben mit dem Allgäu und Niederbayern mit dem Bayerischen Wald. Im verregneten Juni mussten einige Regionen zwar Einbußen hinnehmen, ein Grund dafür lasse sich aber schwer benennen, da die Urlauber häufig längerfristig buchen und der Einfluss kurzfristiger Wetterentwicklungen eher begrenzt sei, sagte eine Sprecherin der Bayern Tourismus Marketing GmbH.

Neben dem Trend zu kürzeren und dafür häufigeren Reisen komme Bayern auch das Interesse ausländischer Touristen zugute: Im langfristigen Zehn-Jahres-Vergleich war Bayern vor allem bei Urlaubern aus den USA, aus den Niederlanden und der Schweiz gefragt.

Weiter westlich liegt der Nordschwarzwald. Auch dort trifft man heute mehr Tagesgäste, die 14-Tage-Urlauber gibt es kaum noch. In den Grandhotels der

Schwarzwaldhochstraße über Baden-Baden stiegen einst gekrönte Häupter ab. Die Panoramastraße im Nordschwarzwald war Ende des 19. Jahrhunderts erste Adresse für Adelige und vermögende Bürger. Das war einmal. Das Schlosshotel Bühlerhöhe ist die letzte verbliebene Luxusherberge an der Schwarzwaldhochstraße mit Aussicht auf Wiederbelebung. Doch das Hotel ist seit fast sechs Jahren geschlossen. Der neue Eigentümer aus Kasachstan will es wieder aufmöbeln - doch wann das Hotel neu öffnet, ist völlig ungewiss.

dpa

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