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Die magische Welt des Ypsilon Fongi

Die Anarchie aufgesucht Die magische Welt des Ypsilon Fongi

Als 20-Jähriger kehrte er seinem Heimatort Vechelde und dem Spießbürgertum 1956 den Rücken. Er ging, um sich selbst und die Welt zu erforschen, schlug sich als Jazzmusiker, Kellner, Schuster und Tierpfleger durch, arbeitete als Gartenarchitekt in London und Schlossführer am Chiemsee, bevor er zum gefeierten Star der 60er-Künstlerszene avancierte und ein Vermögen verdiente.

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Heiner Maria Gartung.

Er kaufte ein Schloss in Margarethenried bei Kassel, gründete eine Kommune und zog sich eine halbe Ewigkeit zurück. Heute, 40 Jahre nach seiner letzten Ausstellung, macht Heiner Maria Gartung wieder Kunst und schreibt in seiner zweiten Kommune in Zschachenmühle in Thüringen an seinen Memoiren und über Kindheit und Jugend in Vechelde. Das Buch soll demnächst veröffentlicht werden – die PAZ plant Auszüge daraus abzudrucken.

Seine Stimme wird etwas leiser, wenn er über seine Herkunft spricht. Seine Worte wählt er mit bedacht. „Ich bin in Vechelde in einer Familien-Kommune aufgewachsen. Also bin ich heute gewissermaßen ‚back to the roots‘“, sagt der heute 73-Jährige und lacht. „Zum Frühstück saßen wir schon damals jeden Morgen mit 20 Leuten am Tisch.“ Gartungs Familie, verwandt mit der Familie Greite, besaß eine Gaststätte mit Kegelbahn („Zum weißen Roß“), einen Kolonialwarenladen, eine Kohlenhandlung und einen landwirtschaftlichen Betrieb. Oma, Opa, Tanten, Onkeln und Geschwister lebten praktisch unter einem Dach.

Es war ein gut behütetes Umfeld in dem Heiner Maria Gartung aufwuchs. An Gesellschaft, Fürsorge und Materiellem mangelte es dem jungen Burschen sicherlich nicht – aber vielleicht an Aufmerksamkeit. „Niemand hatte wirklich Zeit für mich, ich wurde Einzelgänger und Außenseiter.“ In seiner Freizeit hielt er häufig nach Eidechsen Ausschau und lernte Schwimmen. Darin wurde er bald so gut, dass er einen Kreismeistertitel holte, kurz darauf wurde er im ehemaligen Vechelder Freibad Schwimm-Meister. Nach dem Volksschul-Abschluss besuchte er drei Gymnasien in Braunschweig. Gartung: „Ich war ein schlechter Schüler.“

Ein Schlüsselerlebnis hatte der junge Heiner Maria an einem unbestimmten Abend nach dem Zweiten Weltkrieg. Regelmäßig fuhren Flüchtlingstrecks durch Vechelde und kehrten in die Gaststätte seiner Eltern ein. Unter ihnen war eine Künstlergruppe aus Ostpreußen, die auf der Bühne im Saal eine improvisierte Aufführung darbot. An diese erinnert sich Gartung noch heute ganz genau: „Da war ein etwa vier Jahre altes Mädchen, das einen gleichaltrigen Jungen mit einer Hand mit Leichtigkeit hochhob, hinterher haben es zwei Jungen versucht und nicht geschafft – das war irgendwie magisch und inspirierend.“

Irgendwann wurde dem jungen Mann Vechelde zu klein, er fühlte sich nicht mehr wohl. „Ich war einer der ersten, der sich einen Vollbart wachsen ließ“, sagt Gartung mit einem Schmunzeln, denn den trägt er noch heute „Mit 20 Jahren bin ich dann in die Welt geflüchtet.“ Mit Gelegenheitsjobs als Zoo-Tierpfleger in Braunschweig, Jazzmusiker in verschiedenen Ensembles, Kellner und Schlossführer am Chiemsee sowie einer begonnenen Lehre als Schuster schlug er sich solange durch, bis er die Natur für sich entdeckte. Er wurde Gartenarchitekt, arbeitete zeitweise in London und gründete später einen Betrieb mit zehn Mitarbeitern.
Seine Bestimmung fand er schließlich als Künstler unter dem Pseudonym Ypsilon Fongi. In der Szene gilt er bis heute als Schuh-Fetischist, da seine Werke fast ausschließlich Damenschuhe abbilden. Allerdings legt Gartung Wert auf die Feststellung, dass er damals ein politischer Künstler gewesen sei. Als Vertreter des Kritischen Realismus, der Pop Art, der Concept-Art und des Fluxus erarbeitete er sich damals bundesweit Rang und Namen.

Unter anderem war Gartung 1969 in München Gründungsmitglied der Künstlergruppe Zehn-Neun. Die Idee der Gruppe war die kollektive Kunstvermarktung mit großen Stückzahlen zu günstigeren Preisen als in den Galerien. Die Kunst sollte billiger werden und damit mehr Menschen erreichen. „Ich habe damals sehr viel Geld verdient“, sagt Gartung, der in dieser Zeit unter anderem mit bekannten Größen wie Joseph Beuys und Günther Uecker zusammen arbeitete.

Ende der 60er Jahre hängte Fongi seine Karriere an den Nagel. Er nahm seinen heutigen Namen Siddhartha an, schloss sich der Baghwan-Bewegung an und gründete in Margarethenried bei Kassel seine erste Kommune. Heute lebt er als Oberhaupt einer Osho-Kommune in Zschachenmühle in Thüringen. „Verein zur Förderung ganzheitlicher Lebensweise und Kulturpflege e.V.“ nennt sich die Gruppe von 20 Leuten, die auf ihrem Anwesen Übernachtungen und Führungen anbietet. Es gibt einen Steineladen, einige machen Kunst. Die einzige Regel, die es in der Kommune gibt: Morgens um 8 Uhr findet ein Treffen mit allen Mitgliedern statt, bei dem die zu erledigenden Tagesaufgaben verteilt werden.

„Mein Ausruhen war auch Kunst“, begründet Gartung sein Wiederauftauchen nach 40 Jahren. „Ich musste tief in mich gehen, um das herauskommen zu lassen, was herauskommen wollte. Ich habe die Anarchie aufgesucht, nicht in Form von Gewalt, sondern in der Freiheit von der Gesellschaft.“ Aktuell beschränkt sich Fongi darauf, seine alten Werke zu überarbeiten und, wie er sagt, zu verbessern.
Seit einiger Zeit schreibt Gartung an mehreren Büchern. In einer Autobiographie erzählt er auf 30 Seiten, wie er Kindheit und Jugend in Vechelde erlebt hat. Wenn er zurückblickt, hält er kurz inne und sagt: „Ich habe meine Heimat nicht geliebt.“ Und doch lebt er heute so wie schon als Kind, nur eben als ganz anderer Mensch.

Michael Lieb

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