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Schmuggelware Liebe

Ölsburg Schmuggelware Liebe

Eigentlich wollte Catrin Lori nicht raus aus der DDR – es ging ihr dort gut und der Westen war sozusagen Feindesland. Doch dann verliebte sie sich in Dieter Hennecke aus Ölsburg. Die Liebe war so stark, dass sie mit ihm in die Bundesrepublik floh – er schmuggelte sie zwischen Kofferraum und Rückbank seines Mercedes.

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Liebe ohne Grenzen: Dieter und Catrin Hennecke aus Ölsburg .

Quelle: sip

Ilsede-Ölsburg . Flucht aus Liebe: 1984 schmuggelt der Ölsburger Dieter Hennecke seine Geliebte Catrin Lori in die Bundesrepublik. Sie wollen nicht mehr ohne einander leben.

Es ist der 7. Oktober 1983: Dieter Hennecke feiert mit Peiner Tennis-Freunden in einer Kneipe in Leipzig – jedes Jahr fahren sie zu Spielen in die DDR-Stadt. Dort lernt er seine künftige Frau kennen – die Görlitzerin Catrin Lori.
Der damals 38-jährige Westdeutsche und das 26-jährige DDR-Mädchen kommen ins Gespräch: „Wir lernten uns kennen und gleich lieben“, sagt sie im PAZ-Gespräch. Eine Liebe, die nicht sein darf: Ihre Eltern sind hohe Beamte bei der Stasi, sie will der SED beitreten: „Ich wollte mich nicht verlieben!“

Doch es kommt anders: In den kommenden Monaten treffen sie sich regelmäßig in Berlin, telefonieren täglich. Tagsüber arbeitet sie als sozialistische Bauleiterin, abends schreibt sie ihm heimliche Liebesbriefe. Ein Doppelleben in ständiger Angst.

1984 verabredeten sich die beiden für mehrere Tage am Ferienort Balaton in Ungarn – dem Treffpunkt für deutsch-deutsche Beziehungen. Wenige Tage später ist für sie klar, dass nur die Flucht infrage kommt: „Ich wollte diese Liebe leben, wir wollten nur noch zusammen sein“, versucht Catrin Hennecke das starke Gefühl zu erklären.
Dieter Hennecke baut inzwischen mit einem Bekannten sein Auto so um, dass er seine Catrin über die Grenze schmuggeln kann: Die Kofferraumwand kommt so weit zurück, dass eine Lücke zur Rückbank entsteht. Auch der Tank muss dafür umgebaut werden.

Am 22. Dezember treffen sich beide in Budapest. Am Nachmittag des 28. Dezembers, kurz vor dem Grenzübergang Hegyeshalom nach Nickelsdorf in Österreich, klettert Catrin Hennecke hinter die Rückwand des Kofferraums.
An der Grenzstation inspizieren Grenzbeamte seinen Wagen. „Im Kofferraum stank es nach Diesel. Ich habe noch eine ungarische Knoblauchwurst hineingelegt in der Hoffnung, dass der Geruch abschreckt“, erklärt Hennecke. Der erste Grenzposten wendet sich tatsächlich angewidert ab. Doch ein Kollege nimmt es genauer und leuchtet den Kofferraum penibel ab. „Mir ist es eiskalt den Rücken runtergelaufen“, sagt Hennecke. Seine heutige Ehefrau sieht von innen das Licht der Taschenlampe: „Ich habe gebetet“, erinnert sie sich und schüttelt den Kopf. Damals sei sie bereitgewesen zu sterben, da es nach einer Festnahme keine Perspektive gegeben hätte: „Ich hatte die Tabletten für den Selbstmord in der Hand. Uns war klar: Lebend kriegen die uns nicht“, beschreibt sie ihr damaliges Gefühlsleben.

Doch auch der zweite Kontrolleur findet nichts und lässt sie passieren. Kurze Zeit später, hinter der österreichischen Grenze halten sie an, steigen aus: „Ich hatte eine Pulle Sekt dabei, die wir dann erstmal getrunken haben“, sagt er und sie ergänzt: „Wir haben nur noch geschrien vor Erleichterung.“

Auch heute noch, fast 25 Jahre später, steigen den beiden die Tränen in die Augen, wenn sie über ihre Flucht aus Liebe sprechen: Nein, bereut haben sie dieses Abenteuer nicht.

Über die abenteuerliche Liebe vor der Flucht hat Catrin Hennecke unter dem Pseudonym Catrin Görlitz ein Buch geschrieben: „Der lange Weg zu Dir“, novumpro-Verlag, ISBN: 978385022841-1. Es kostet 18,90 Euro

Simon Polreich

Hintergrund

Nach der DDR-Flucht

Nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik kam Catrin Hennecke in ein Aufnahmelager in Gießen wo sie vom Bundeskriminalamt verhört wurde. „Hinter meiner Flucht wurde wohl Spionage vermutet. Doch später wurde mir geglaubt, dass es sich um eine Flucht aus Liebe handelt.“

Aus Westdeutschland ließ Hennecke ihre Eltern wissen, dass sie geflohen ist. Erst Jahre später hatte sie wieder Kontakt zu ihnen. Nach ihrer Flucht wurde ihr Vater, der bis dato eine Führungsposition bei der Staatssicherheit hatte, in eine wesentlich niedrigere Abteilung versetzt. „Er sollte mich offiziell für tot erklären, weigerte sich aber“, sagt sie. In den 90er-Jahren beantragte das Paar Stasi-Akten-Einsicht: Sie fanden ganze Aktenberge: „Mir wurde Spionage vorgeworfen, hinter meinem Mann wurde ein Schleuserring vermutet.“ Sogar Telefongespräche in Ölsburg seien belauscht worden.

sip

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