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383 Schläge – dann kippt der Kessel

Mehrum 383 Schläge – dann kippt der Kessel

Er zittert. Er bebt. Er ruckelt. Er wirft Bleche ab. Aber er kippt nicht. 383 Schläge mit der Abrissbirne waren gestern nötig, um den zweiten ausgedienten Kraftwerkskessel in Mehrum von den Stahl-Beinen zu holen und die 1000 Tonnen Schrott auf die Seite zu legen. Etwa 200 Zuschauer waren dabei.

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Der entscheidende Treffer trifft den 1000-Tonnen-Stahlkasten um 19.34 Uhr, der dritte Ständer fliegt durch die Wucht der Abrissbirne unter den Kessel, es gibt kein Halten mehr.

Quelle: ja

Hohenhameln-Mehrum . Vitali Klitschko, der ältere der beiden Box-Weltmeister, sagte einmal nach einem zermürbenden Kampf, in dem sich sein Gegner über lange Strecken unbeeindruckt vom Trommelfeuer des Ukrainers gezeigt hatte: „Das war hartes Stück vom Brot.“ Ähnlich ging es gestern Abend Carlo Callen, dem Pressesprecher der Stadtwerke Hannover, beim kontrollierten Kollaps des zweiten Kessels von Block eins des Mehrumer Kraftwerks.

Zweieinhalb Stunden und 383 Schläge lang blieb der 40 Meter hohe und 1000 Tonnen schwere Stahl-Kasten standhaft – um 19.34 Uhr, nach mehreren schweren Treffern gegen das dritte noch stehende Bein, knickte er ein, schien noch eine Sekunde zu zögern und stürzte um. Der Weg bis dahin ging sozusagen über zwölf Runden.

Ein Familienfest hatten die Stadtwerke Hannover aus dem Abbruchtermin des Kessels gemacht, Menschen eingeladen und schon um 16.30 Uhr, eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Termin, standen so um die 200 Neugierige vor dem Werkstor. Dann durften sie aufs Gelände, um sich den Mehrumer Umsturz aus nächster Nähe anzuschauen. Wer aushielt, bis die abendliche Kühle in die Knochen kroch, wurde nicht enttäuscht. Wer früher ging, konnte sich das Ende des Industrie-Giganten per webcam auf der PAZ-Internet-Startseite exklusiv anschauen.

17 Uhr: Leichtes Einpendeln des Seilbaggers mit dem 81 Meter langen Ausleger und der Vier-Tonnen-Abrissbombe am Stahlseil. 20 Tonnen Eigengewicht halten ihn in der Balance, Baggerführer Alfons Brockmann nimmt Maß. 53 Schläge hatte der erste Kessel im August eingesteckt, dann war Feierabend. Gestern waren Überstunden angesagt. Dabei hatte alles so gut angefangen.

17.09 Uhr: Der Hitachi Sumitomo, so heißt der Seilbagger, schwingt die Birne, scheppert passgenau gegen den linken angesägten Ständer des Kessels und haut ihn um. Wie viele Schläge diesmal? Die Zuschauer können tippen. Dimitri Kuwschinow, Mitarbeiter des Baggerführers, konkretisiert die Frage: „Wie viele Schläge oder wie viele Treffer?“

17.14 Uhr: Das zweite Bein des Kessels hat sich nach einem heftigen Schlag verabschiedet. Jetzt ruht die Last auf dem Mittelpfosten – und ruht und ruht und ruht.

17.55 Uhr: Die Kette der Abrissbirne verheddert sich im Stahlschrott und sitzt fest. Baggerführer Brockmann zieht vorsichtig an, dann ein bisschen mehr, der Ausleger neigt sich bedrohlich – da reißt das drei Zentimeter dicke Stahlseil, die Bombe liegt im Dreck. Pause. Die ersten Zuschauer gehen. Aber die Abbruchunternehmer geben nicht auf, die Aufhängung der Birne wird repariert, es geht weiter. Mittlerweile trotzt der Kessel dem 195. Schlag.

18.22 Uhr: Es geht weiter, Schlag um Schlag, der Sumitomo kämpft tapfer.

19 Uhr: Das Stahlseil sieht schlecht aus, eine Ader ist gebrochen und fieselt sich auf. Wieder Pause.

19.33 Uhr: Harter Volltreffer, die Erde bebt – der Kessel steht.

19.34 Uhr: Nochmal ein Hammerschlag, 1000 Tonnen Stahl kippen. Sumitomo und Meister Brockmann haben gewonnen.

Michael Schröder

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